BEHINDERTENINTEGRATION : Gute Vorsätze

Rot-Rot will weniger Sonderschulen, aber die Umsteuerung ist kompliziert und teuer.

Wie weit rot-roter Anspruch und Wirklichkeit voneinander entfernt sein können, wird bei der Behindertenintegration deutlich. Während das Abgeordnetenhaus darüber diskutiert, wie die künftigen Sekundarschulen und auch die Gymnasien künftig bei der Integration der Schüler mit Behinderung einbezogen werden könnten, kämpfen funktionierende Integrationsschulen um das Überleben ihrer Konzepte.

Bestes Beispiel: die Rudower Clay-Gesamtschule. Sie hat seit 16 Jahren ein eigenes Konzept entwickelt, um den Schülern mit speziellem Förderbedarf gerecht zu werden. Unverzichtbar ist dabei, dass in 15 Stunden pro Woche zwei Lehrer in der Klasse sind. Auf diese Weise können die Schüler mit sogenannter Lernbehinderung individuell gefördert werden.

Dieses Konzept steht, wie berichtet, jetzt vor dem Aus, weil zwei bis drei Stellen verloren gehen. Der Grund ist, dass es landesweit – ähnlich wie bei der Sprachförderung – eine festgelegte Zahl von rund 1250 Stellen gibt, die nicht überschritten werden darf und zwar unabhängig davon, wie viele behinderte Schüler konkret integriert werden sollen. Da in diesem Jahr die Zahl der Schüler, die als behindert eingestuft wurden, extrem gestiegen ist, bleiben pro Schüler weniger Förderstunden übrig. Die Lage ist in den Bezirken unterschiedlich angespannt. Jedenfalls meldeten sich auch aus Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg schon besorgte Schulleiter, die sich fragen, ob sie weiter- machen können mit der Behindertenintegration, wenn sie weder genug Sonderpädagogen noch genug Lehrer haben.

Vor diesem Hintergrund bezweifeln nicht nur die betreffenden Schulen, dass der Senat es schaffen kann, die Integration sogar noch weiter auszubauen. Schließlich hat Rot-Rot sich sogar vorgenommen, langfristig alle Schulen für Lernbehinderte abzuschaffen. Im Hintergrund steht niemand Geringeres als die Vereinten Nationen, denn sie haben das Ziel vorgegeben, alle Schüler mit Behinderung zu integrieren.

Das nötige Geld dafür wäre nur da, wenn Sonderschulen parallel zugemacht würden. Genau dies passiert aber nicht, weil sie ebenfalls noch viele Schüler haben. TU-Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz, der auf Behindertenintegration spezialisiert ist, plädiert deshalb für ein System der „kommunizierenden Röhren“: Lehrer müssten konsequent von den Sonderschulen in die allgemeinbildenden Schulen hinüberwechseln, damit die Integration finanzierbar bleibt. Es sei „unakzeptabel“, wenn etwa der Clay-Schule Lehrer genommen würden. Ob bei der Personalzumessung noch nachgebessert wird, ist völlig offen.

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