• Bei der ersten deutsch-deutschen Silvesterfeier brach am Pariser Platz ein Gerüst zusammen

Berlin : Bei der ersten deutsch-deutschen Silvesterfeier brach am Pariser Platz ein Gerüst zusammen

Werner Schmidt

"Ich dachte noch: Hilfe, es kracht! Als ich dann wieder aufwachte, lag ich auf dem Rücken und sah den Sternenhimmel." Für die heute 36-jährige Kerstin Hühne aus Steglitz hatte die erste deutsch-deutsche Silvesterfeier nach dem Fall der Mauer vor zehn Jahren weitreichende Folgen. Die gelernte Krankenschwester lag monatelang im Krankenhaus, musste ihren Beruf aufgeben und ist noch heute arbeitslos. Kerstin Hühne ist eines von 80 Opfern, die verletzt wurden, als damals auf dem Pariser Platz ein Gerüst des DDR-Fernsehens zusammenbrach. Der Sender hatte eine Videoleinwand auf dem etwa 15 Meter hohen Gerüst montiert, um die Silvesterfeier für die schätzungsweise eine Million Besucher zu übertragen.

Gegen 1.30 Uhr am 1. Januar 1990 stürzte das Gerüst unter dem Gewicht Dutzender Menschen zusammen, die es als Aufstieg zum Brandenburger Tor genutzt hatten. Unter denjenigen, die von den Metallstangen und Menschen begraben wurden, war auch Kerstin Hühne. Sie hat ihre Erlebnisse in der Broschüre "Wahnsinn - Erinnerungen an den Berliner Mauerfall" der Berliner Geschichtswerkstatt (Telefon 215 44 50) niedergeschrieben.

"Das Gerüst war voller Menschen - wie eine Weintraube", berichtete Kerstin Hühne dem Tagesspiegel. "Je höher ich kam, desto unwohler wurde mir." Die Warnungen der Volkspolizisten vor der Gefährlichkeit ihres Vorhabens hatte sie, wie viele andere Menschen, in den Wind geschlagen: "Ach, einmal vom Brandenburger Tor runtersehen - jetzt oder nie. Eine zweite Möglichkeit gibt es nicht." Der Wunsch nach diesem einmaligen Erlebnis trieb die damals 26-Jährige vorwärts. An den folgenden Sturz erinnert sie sich nur noch bruchstückhaft.

Nachdem sie aus einer kurzen Bewusstlosigkeit aufgewacht war, schleppte sie sich einige Meter, bevor die Schmerzen sie zusammensinken ließen. Helfer fragten als erstes, ob sie aus dem Westen oder Osten sei. Dann schleppten sie die Verletzte, die ihre Beine kaum noch bewegen konnte, durch ein Lücke in der Mauer auf West-Berliner Gebiet, wo sie von Sanitätern versorgt wurde. Rings um sie lagen Verletzte. Sie, die ansprechbar war und scheinbar nur leicht verletzt zu sein schien, wurde fast als Letzte versorgt.

Als sie schließlich im Rettungswagen lag und einen Feuerwehrmann fragte, wohin er nun fahre, zuckte dieser ratlos mit den Schultern: "Keine Ahnung. Ich muss erst Mal telefonieren. Die Krankenhäuser sind alle voll." Die Diagnose im Krankenhaus lautete: Wirbelsäulenfraktur. Erst viel später sei ihr zu Bewusstsein gekommen, dass sie nur ganz knapp an einer Querschnittslähmung vorbeigeschrammt sei, sagt Kerstin Hühne.

Drei Monate lag sie im Krankenhaus, an den gesundheitlichen Folgen leidet sie noch heute. Ihre Zukunftspläne machte der Sturz zunichte. Die geborene West-Berlinerin hatte die Stadt unmittelbar nach ihrer Schulzeit verlassen, ihren Beruf erlernt, gearbeitet und war erst wenige Wochen vor dem 9. November 1989 zu ihren Eltern zurückgekehrt. Einige Monate Pause wollte sie machen, um dann in Frankreich auf einem Öko-Bauernhof zu arbeiten. Da ihr seit dem Unfall körperliche Belastungen verboten sind, musste sie nicht nur ihre Träume sondern auch ihren Beruf aufgeben. Derzeit arbeitet sie ABM-Kraft.

Es hätte die Frau noch härter treffen können. Einen 24-jährigen Charlottenburger kostete der Zusammenbruch des Gerüstes das Leben. Freunde hatten den durch einen Aorta-Abriss und einer Wirbelsäulenfraktur tödlich Verletzten noch bis zur damaligen Sowjetischen Botschaft Unter den Linden geschleift, auf der verzweifelten Suche nach Hilfe. Hunderte teilweise volltrunkener Menschen wurden derweil mit Leitern gemeinsam von der Ost- und West-Berliner Feuerwehr vom Brandenburger Tor gerettet. Dass von dem etwa 20 Meter hohen Bauwerk kein Mensch herunterstürzte, war nur dem Glück zu verdanken. Als erster hatte offenbar ein erfahrener Bergsteiger das Brandenburger Tor professionell erklommen, der dann Seile herabließ und anderen beim Aufstieg auf das denkmalgeschützte Bauwerk half.

Während einer Pressekonferenz im damaligen Ost-Berliner Polizeipräsidium an der Hans-Beimler-Straße (heute heißt sie Otto-Braun-Straße) hatte der stellvertretende Polizeipräsident der Hauptstadt der DDR, Oberst Hartmut Preiß, festgestellt: "Der Platz am Brandenburger Tor ist ungeeignet für derartige Veranstaltungen." Heute werden dort wiederum mehrere Hunderttausend erwartet.

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