Berlin : Bei der Vogelgrippe wird viel behauptet

Angebliche Experten verkünden Gewissheiten, die sich später als falsch erweisen Von Werner Lange

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Als langjähriger Influenza-Kenner bin ich zornig über die Äußerungen von angeblichen Experten zu der Vogelinfluenza. Erst hieß es im vergangenen Herbst, dass bei uns keine Gefahr der Vogelinfluenza bestünde, weil infizierte Zugvögel nicht fliegen könnten. Dann hieß es, dass die Zugvögel das Virus nicht zu uns bringen könnten, weil die Zugrouten unterschiedlich seien, schließlich, dass infizierte Hühner keine Eier legten, das Essen von Eiern also ungefährlich sei. Dann wurde mitgeteilt, dass Katzen nicht mit dem H5N1-Virus infiziert werden könnten, später, als die tote Katze auf Rügen gefunden wurde, dass Katzen so wenig Virus ausscheiden würden, dass mit einer Ansteckung von Menschen nicht zu rechnen sei. Ich frage mich, woher die Urheber dieser Meinungen ihre Kenntnis haben. Es ist seit 2005 bekannt, dass Entenarten das „Trojanische Pferd“ der H5N1-Influenza sind, weil sie trotz Infektion nicht erkranken. Sie fliegen also und scheiden zudem das Virus bis zu 17 Tage aus, wie Studien gezeigt haben. Die Routen der Zugvögel überschneiden sich, teilweise werden dieselben Rastplätze (Seen) benutzt.

Dann die Katzen: Bereits in den vergangenen Jahren gab es Infektionen bei Hauskatzen, Zibetkatzen und Großkatzen. Eine Studie aus den Niederlanden zeigte nicht nur, dass Katzen durch Verfütterung infizierter Vögel selbst infiziert werden, schwer erkranken und sterben. Natürlich scheiden sie Virus aus, und zwar über den Schleim der Atemwege und über Kot. Es wurden Übertragungen der Infektion auf gesunde Katzen nachgewiesen, die in Kontakt mit den erkrankten Tieren standen. Wenn Katzen durch ausgeschiedenes Virus infiziert werden, warum dann nicht auch Menschen? Jetzt behaupten einige Neunmalkluge, dass die Katzen so wenig Virus ausscheiden, dass die Übertragung nicht möglich ist. Es wird so getan, als wenn die auf Rügen gestorbenen Schwäne erst jetzt infiziert worden sein können.

Woher soll das Virus kommen, wenn die Zugvögel erst demnächst wieder zurückkommen? Bisher wurde H5N1 nur bei ca. 10 Prozent der aufgefundenen gestorbenen Schwäne nachgewiesen. Woran sind die anderen 90 Prozent gestorben? Oder umgekehrt: Kann es nicht sein, dass die Schwäne nicht an der Influenza gestorben sind, sondern zu den Tieren gehörten, die üblicherweise in strengeren Wintern aus Erschöpfung, Nahrungsmangel etc. verenden? Das H5N1-Virus hat man dann vielleicht nur deshalb gefunden, weil man jetzt danach sucht. Kann es nicht sein, dass die Schwäne bereits beim Vogelzug in Richtung Süden infiziert wurden? Da wir in Deutschland keine nennenswerte Überwachung der Influenza bei Zugvögeln haben, kann niemand diese Fragen beantworten. Ebenso weiß niemand, wie viele andere Vogelarten infiziert sind, weil niemand das untersucht hat. Ebenso ist es mit den Katzen.

Niemand hat nachgesehen, wie viel Virus infizierte Katzen wirklich ausscheiden. Ebenso wütend bin ich über die allen Erfahrungen, wissenschaftlich fundierten Publikationen und Empfehlungen der WHO widersprechenden Behauptungen, dass eine Wirksamkeit von Tamiflu und Relenza gegen H5N1 nicht bewiesen sei. Wem verdanken die in Asien nicht an H5N1-Infektionen verstorbenen Infizierten ihr Überleben? Ja selbst bei dem großen Ausbruch bei Tigern in Thailand ist ein Teil der Tiere mit Tamiflu gerettet worden.

Ich bin so lange im Influenza-Geschäft, dass ich die Hongkong-Pandemie von 1968-70 hautnah miterlebt habe. Ich habe jetzt angesichts der widersprüchlichen oder unwahren Behauptungen das Gefühl, in die damalige Zeit zurückversetzt zu sein. Auch damals wurden Behauptungen aufgestellt, die der Wahrheit nicht standhielten. Man behauptete beispielsweise in der ersten Welle 1968/69, dass die Impfstoffe gegen die alten Varianten des Asia-Subtyps schützen würden, obwohl das Hongkong-Virus längst bei uns war und Menschen tötete. Selbst in der zweiten Welle im Winter 1969/70 wurde diese Behauptung wiederholt. Und man behauptete, dass viel Vitamin C vor der Influenza schütze.

Was mich besonders erzürnt, ist nicht so sehr die offensichtliche Unwissenheit maßgeblicher und meinungsbildender Stellen, sondern vielmehr die Unredlichkeit, dass man ohne fundierte Sachkenntnis Dinge behauptet, die sich später als falsch erweisen. Wir brauchen nicht darüber zu rätseln, wie das bei den Menschen ankommt. Mein Fazit: Die haben einfach ihre Schularbeiten nicht gemacht. Früher galt die Regel, dass man schweigen muss, wenn man nichts Genaues weiß. Es ist doch keine Schande, einmal zuzugeben, dass man nichts weiß oder dass man sich erst informieren muss. Das verträgt sich aber offensichtlich schlecht mit der Eitelkeit der Menschen.

Der Autor war langjähriger Direktor am Influenza-Zentrum des Robert-KochInstituts.

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