Berlin : Bei fünf Sternen fängt der Luxus erst an

In 14 Monaten öffnet die Edelherberge Ritz-Carlton. Der Generaldirektor sitzt schon am Potsdamer Platz

Holger Wild

Kupferne Pfännchen zum Servieren von Weinbergschnecken; herbes Tannennadelöl, welches der Bade-Butler ins Wasser gibt, nachdem er Zigarre und gewärmten alten Cognac für das „Gentleman-Bad“ bereitgestellt hat; persische Seidenteppiche, die unter den Tischen des venezianischen Gourmet-Restaurants den Marmorboden bedecken – in 14 Monaten müssen diese und 4000 weitere Artikel bestellt, gekauft, geliefert und an ihren Platz gebracht worden sein. Denn Mitte Dezember 2003 eröffnet am Potsdamer Platz, rechts neben dem Sony-Center, das Luxushotel Ritz-Carlton Berlin. Walter Junger wird es leiten, und deshalb sitzt er schon heute keine 100 Schritte entfernt in seinem Büro im spitzwinkligen Renzo-Piano-Hochhaus – und sieht Bewerbungsmappen durch. Bis zu 20 bekommt er pro Tag, während die Arbeiter auf der Baustelle gerade mal das sechste von elf Stockwerken betoniert haben. „Das ist das Ritz-Carlton, da will jeder gerne arbeiten“, sagt Junger mit der Selbstverständlichkeit dessen, der eine Top-Marke vertritt.

Der Ablaufplan, in dem auf 100 Seiten alle Arbeitsschritte vom Beginn seiner Tätigkeit als Generaldirektor am 1. September bis zur Eröffnungsfeier in 14 Monaten zeitlich festgelegt sind, sieht gegenwärtig vor allem die Besetzung der Leitungspositionen vor. Eine Personal-Chefin gibt es schon, einen Hotel-Manager, einen technischen Leiter – aber noch keinen Küchenchef. Die Führungskräfte werden nach und nach ihre Räume im Voreröffnungsbüro beziehen, wo bislang erst Junger, die Verkaufsdirektorin, eine Assistentin und die PR-Chefin Stellung bezogen haben. 500 Menschen werden im Ritz-Carlton arbeiten. „So ein Hotel ist wie eine kleine Stadt“, sagt Junger, „und ich bin der Bürgermeister.“

Neben dem Personal ist es die Einrichtung seines Hotels, die die Arbeitszeit des 37-jährigen Generaldirektors in Anspruch nimmt. Die Innenarchitektur hat der Kölner Designer Peter Silling entworfen; sie spiegle „ein deutsches Empire in der klaren Ausdrucksweise Schinkels mit stilistischen Anlehnungen an das frühe Biedermeier und das deutsche Rokoko“ wider, preist die PR-Chefin die von Goldadern durchzogenen Muster der Marmorböden, die korinthischen Kapitelle der Säulen, die Kassettendecken oder auch die blauen Glaswände im Restaurant. Die Gestaltung der Möbel, Armaturen und Ausstattungsgegenstände steht ebenfalls im Wesentlichen fest. Auf der Liste der 4000 Einrichtungsartikel vom Tresen der American Bar bis zum Badeschwamm sind rund die Hälfte Ritz-Carlton-Standard. Die andere wird einzig für das Berliner Haus gekauft – oder eigens hergestellt.

Entscheidet da der persönliche Geschmack des Hotel-Direktors? Nein, sagt Junger, so dürfe man sich das nicht vorstellen. In seinem Berufsleben hat er in Singapur, Shanghai, Scharm El Sheikh, Wolfsburg bereits mehrere Hotels und an die 32 Restaurants mitgestaltet, das gesamte Team komme auf vielleicht 100 Restaurant-Eröffnungen. „Da hat man Erfahrungen; vor allem auch Erfahrungen mit den Ansprüchen und dem Geschmack der Gäste.“ Ein Beispiel: Im Erdgeschoss soll es ein französisches Bistro im Stil der Jahrhundertwende geben und, obwohl die Umgebung komplett neu gebaut ist, soll es „authentisch und gewachsen“ wirken. Dazu, so Junger, „müssen Sie Geschichte kreieren“. Nur dann spreche das Bistro sowohl die japanische Shopping-Touristin, den Geschäftsmann aus dem Sony-Center, als auch den reichen amerikanischen Ritz-Carlton-Gast an. Also wird Junger in Paris ein altes Bistro aussuchen – „sicher eine meiner schönsten Aufgaben“ –, das dann komplett aufgekauft und in Berlin aufgebaut wird. Auch das passende Geschirr muss gefunden werden, „Assoziation: Pariser Markthalle“. Also „schwärmen unsere Einkäufer aus und bringen 70 Kataloge und 200 bis 300 Muster der Hersteller mit.“ Schließlich werden Einzelstücke dazugekauft, etwa ein silberner Jugendstil-Servierwagen, die als Originale die Aura des „Echten“ verstärken.

Noch im November sollen in zwei Containern in einer nahen Fabrikhalle „Show-Rooms“ eingerichtet werden, um möglichen Gästen schon mal Pracht, Luxus und Atmosphäre dieses „Fünf-Sterne-Plus-Hotels“ zu vermitteln. In Jungers Büro sind bereits 30 000 Anfragen für den Zeitraum 2004–06 eingangen. Wer wird im Ritz-Carlton wohnen? „Die obersten fünf Prozent der Luxusreisenden“, sagt Junger, dazu Konferenz-Reisende, Regierungsdelegationen. Die Preisgestaltung ist noch nicht abgeschlossen, aber unter 250 Euro pro Nacht wird es eines der 302 Zimmer, jedes mindestens 40 Quadratmeter groß, kaum geben. Zwei Monate vor der Eröffnung wird das Gros der Mitarbeiter seinen Dienst antreten. In den letzten drei Wochen werden 70 Trainer mit den Angestellten nicht nur die täglichen Verrichtungen üben, bis jeder Handgriff sitzt. Sie werden sie auch darin schulen, was Ritz-Carlton unter perfektem Service versteht, inklusive der Gebote „Das Credo“, „Das Mitarbeiter-Versprechen“, „Die drei Stufen der Dienstleistung“ und „Die 20 Grundsätze“. Die Angestellten werden sie stets auf einem Kärtchen bei sich tragen.

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