Bei Gewitter : Mysteriöse Fehlalarme

07.07.2012 00:00 Uhrvon
Wenn es blitzt und donnert, hat die Feuerwehr viel zu tun. Foto: dpa
Wenn es blitzt und donnert, hat die Feuerwehr viel zu tun. - Foto: dpa

Wieso lösten jüngst massenhaft Brandmelder Fehlalarm in der Hauptstadt aus? Die Feuerwehr rätselt. Aber diese Pannen sind nicht die einzigen. Machen wir Einfaches zu kompliziert?

Die Unwetter der vergangenen Tage haben ein Rätsel hinterlassen: Noch immer weiß die Feuerwehr nicht, warum während des Gewitters vor einer Woche binnen weniger Stunden 38 Brandmeldeanlagen in großen Gebäuden Fehlalarm auslösten. Bei dem kräftigen Unwetter am Donnerstagabend hingegen gab es laut Feuerwehr keine derartig auffällige Häufung von Ausfällen. Dennoch wächst mit der anhaltend unwetterträchtigen Wetterlage die Sorge, dass sich solche Pannen wiederholen. Und einmal mehr zeigt sich, dass Technik nicht mehr immer bis ins Detail überschaubar ist.

Für die Feuerwehr bleibt die Ursache der massenhaften Fehlalarme nach Auskunft eines Sprechers bislang mysteriös.

Sie soll gemeinsam mit den Herstellern ermittelt werden, zu denen namhafte Unternehmen wie Bosch und Siemens gehören. Bosch betreibt in Berlin das „Hauptmeldernetz“, das die Schnittstelle zwischen den einzelnen Brandmeldern und der Feuerwehr bildet. Beim renommierten Baden-Württemberger Unternehmen Hikatron wagt Produktmanager Andreas Schneckener auf Nachfrage zumindest eine Vermutung: Die starke Strahlung von Blitzen könnte drahtlose Melder in Gebäuden irritiert haben, so dass sie irrtümlich einen Alarm in die Brandmeldezentrale funkten. Denkbar sei auch, dass die Melder auf das helle Licht der Blitze reagiert hätten.

Bildergalerie: Unwetter über Deutschland

Letzteres schließt auch die Feuerwehr nicht aus – sofern es sich um sogenannte Flammmelder handelte, die tatsächlich die Strahlung eines Feuers registrieren. Häufiger sind allerdings Rauchmelder, die auf Trübung der Luft reagieren. Als unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen gilt bei Fachleuten, dass die Verbindung zwischen Brandmeldeanlagen und Feuerwehr durch die elektrostatische Aufladung der Gewitterluft gestört war. Diese Verbindung läuft zumindest in Teilen über Mobilfunknetze.

Brandmeldeanlagen können längst nicht mehr nur Feuer bemerken: Sie fahren Aufzüge aus der Gefahrenzone, öffnen für die Feuerwehr den Tresor mit den Hausschlüsseln, schalten Fluchtwegweiser weg vom Brandherd. Zugleich zeigen die inzwischen hochkomplexen Brandmeldeanlagen einmal mehr die Tücken der immer komplexer werdenden Technik. Fast jeder hat schon deren Risiken und Nebenwirkungen zu spüren bekommen: S-Bahnen in der ganzen Stadt bleiben stehen, weil ein Notstromaggregat im Zentralstellwerk versagt.

Als Brandstifter am Ostkreuz eine Kabelbrücke der Bahn anzünden, fallen außer den Zügen auch gleich noch Teile des Telefon- und Mobilfunknetzes aus. Autos sperren ihre Besitzer per Zentralverriegelung aus, Pannenhelfer verzweifeln an elektronischen Fehlerspeichern, eine kaputte Lampe hinterm Tacho lässt sich nur durch Austausch der Armaturentafel für 2000 Euro beheben.

Just am Abend des 1. Mai fällt in Kreuzberg aus ungeklärten Gründen der Digitalfunk der Polizei aus. Ein Blitzschlag in der Verkehrsleitzentrale legt hunderte Ampeln lahm. Automatische Ansagen an S-Bahnhöfen beginnen erst, wenn der Zug die Türen bereits schließt. In Hennigsdorf parken fabrikneue Züge von Weltmarktführer Bombardier wegen Software-Problemen auf dem Abstellgleis.

„Oft will man am Anfang zu viel“, sagt Wolfgang König, Professor für Technikgeschichte an der TU. Als Paradebeispiel sieht er die störanfällige Bordelektronik von Autos in den 90er Jahren, die mit teilweise unnützen Funktionen überfrachtet war. Schon vor Jahrzehnten galten vor allem die Deutschen als technikverliebt mit Tendenz zum „Over-Engineering“, also dem Hang, Einfaches unnötig kompliziert zu machen.

Beim Bahnverkehr hingegen, so Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeuge an der TU Berlin, ist die Technik dagegen gleichzeitig komplizierter und zuverlässiger geworden – auch wenn die Diskussion um Risse in ICE-Achsen und gestörte Klimaanlagen einen anderen Eindruck nahelege. Langfristig erwartet Hecht, dass „die Investitionskosten weiter steigen, aber die Betriebskosten sinken“. Im Klartext: Die Technik wird teurer, aber zuverlässiger. Ob das auch für Brandmelder gilt, werden künftige Gewitter zeigen.

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