Berlin : Bei königlichem Besuch fiel in der Bruchbude das Licht aus

Ekkehard Schwerk

Aus der Götz-von-Berlichingen-Burg Jagsthausen hallte ein Knall nach Berlin wie von eiserner Hand auf den Tisch gehauen: Roman Herzogs Groll über die Berliner "Bruchbude" Bellevue. Und das Bundespräsidialamt in Berlin findet einerseits das Grollen als Herzogschen Temperamentsausbruch, andererseits ist man dem ehemaligen Bundespräsidenten durchaus dankbar, dass er mit Götzscher Wucht auf längst bekanntes Ungenügen zu wiederholtem Male hingewiesen hat. Die Verwaltung spricht von einem "Behandlungsbedarf", wofür es keine Gelegenheit gebe. Gemeint ist unter anderem eine technische Erneuerung von Heizung, Stromleitungen, Sanitäranlagen, von Küche und Keller - wobei für die Wohnflügel erst Keller gegraben werden müssen. Es wird als Beispiel fürs "Bruchbuden"-Ungenügen angeführt, dass bei einem königlichen Besuch plötzlich das Licht ausgegangen war, kein Notstromaggregat ansprang, da es keins gibt. Schließlich wird das Fehlen einer Klimaanlage beklagt, weswegen eine Erhitzung von vielen Menschen zu peinlicher Befindlichkeit führe.

Gern wird auch in einigen Medien bezüglich von Schloss Bellevue mit Begriffen hantiert, die ansonsten aus bescheidensten Daseinsformen des Volkes rühren: Es wird mit einem Standard unterhalb von Sozialwohnungen kokettiert. Dem Bundespräsidenten stünden keine hundert Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Es sind aber, wie wir bereits zu Roman Herzogs Amtszeit anhand eines Etagengrundrisses gezeigt hatten, im südlichen Seitenflügel - einschließlich der vier Gästezimmern mit zwei Bädern - rund 500 Quadratmeter. Dem Präsidenten stehen davon ein Wohnraum mit Balkon (66 Quadratmeter), ein Speisezimmer (55), ein Herrenzimmer (38), ein Damenzimmer (37) und drei Bädern, zwei Schlafzimmer (zusammen 57 Quadratmeter), zur Verfügung.

Es geht aber weniger um die Anzahl und Größe von Zimmern, sondern um eine veraltete technische Infrastruktur. Die Frage lautete immer: Warum wurden bei der aufwändigen inneren Umgestaltung des Mitteltrakts, also des Repräsentationsteils 1986 / 87 nicht auch die Seitenflügel saniert? Immerhin wurden dafür rund 20 Millionen Mark vom Bundestag bewilligt. Das war Angelegenheit des Bundes.

Man weist im Amt gern darauf hin, dass niemand damals an die Möglichkeit einer baldigen deutschen Einheit gedacht habe. Und als sie dann kam, begann ein zeitraubendes Nachdenken über ein geeignetes Bundespräsidialamt: von Neubauten am jenseitigen Spreeufer über das Kronprinzen- und Prinzessinnenpalais. Daraus wurde nichts, es blieb bei Bellevue und dem Ei-Anbau. Bundespräsident Herzog sollte für die Anbau-Dauer und Schlosssanierung ein Ausweichquartier seitab in den Tiergarten gestellt bekommen. Das löste Widerstände aus. Unter anderem hatte der langjährige, auch mit Schloss Bellevue sehr vertraute Direktor der Staatlichen Schlösser und Gärten, Professor Martin Sperlich, einen Brief an Herzog geschrieben: "Auf dem Hintergrund ihrer öffentlichen Mahnungen an die Deutschen, die Ihnen bewundernde und liebevolle Zuneigung eingebracht haben, ist dieser Plan unverständlich." Das Präsidialamt zog Bungalow-Pläne zurück (Januar 1998). Nachfolger Johannes Rau zog es vor, mit seiner Familie nicht das Schloss zu bewohnen. Dennoch wollte man nicht während seiner Amtszeit den Präsidentenflügel sanieren.

Nun wird im kommenden Frühjahr mit dem spreeseitigen Nordflügel angefangen. Wann mit einer Unterkellerung des Präsidenten-Südflügels begonnen werden kann, steht in den Sternen. Es ist dem Bundespräsidialamt eine grauslige Vorstellung, den Bundespräsidenten zuzumuten, vielleicht in einem Hotel zu residieren. Es ist noch kein Haus gefunden worden, das eines Bundespräsidenten für würdig befunden wird.

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