Berlin : Bei Krömers auf dem Sofa

Der Neuköllner Komiker dreht die dritte Staffel seiner Talkshow – mit Promis und nerviger TV-Familie

Nana Heymann

Vielleicht ist es einer der letzten Orte, an dem Neukölln noch ist wie einst, vor den Schlagzeilen über Rütli & Co. Es ist spießig, überschaubar, unaufgeregt und auf liebenswürdige Weise proletarisch. Dieses Neukölln erstreckt sich über 35 Quadratmeter, und die Menschen hier haben es sich gemütlich gemacht: Polstergarnitur, Schrankwand aus hellem Furnier, Essecke mit Sitzbank zwischen terrakottafarbenen Wänden. Piefiges Möbelhausflair wie aus dem Katalog.

Dieses Neukölln befindet sich östlich vom echten. Genauer: Auf dem Filmgelände Adlershof, Studio D. Es ist eine Fantasiewelt. Der Mann, der sie erschaffen hat und sich darin wohl fühlt, heißt Alexander Bojcan, nennt sich aber lieber Kurt Krömer und ist Gastgeber der nach ihm benannten TV-Talkshow „Bei Krömers“. Die läuft seit Herbst im RBB, als Nachfolger der im April ausgelaufenen „Kurt Krömer Show“. Auf dem Studiogelände in Adlershof entsteht zurzeit die dritte Staffel, die ab September ausgestrahlt werden soll. Jeden Tag werden zwei Folgen der 30-minütigen Sendung gedreht; dazwischen gibt’s eine kurze Pause für das Filmteam und die etwa 150 Studiogäste.

Zentraler Bestandteil von Krömers Talkshow ist ein Gespräch mit prominenten Gästen in heimeliger Wohnzimmeratmosphäre. Keine ernsthafte Unterhaltung, sondern eher Krömers Versuch, absehbares Chaos nach Möglichkeit zu verhindern. Das liegt vor allem an der Familie des fahrigen TV-Talkers: Mutter Ingrid (Marie Gruber), Schwester Anja (Maxine Schulze) und Opa Gerd (Achim Wolff) funken nur allzu gern mit nervigen Fragen und Kommentaren dazwischen. Das ist oft lustig und unterhaltsam – und bewegt sich manchmal hart am Rand der platten Blödelei.

Für die aktuelle Staffel seiner Show hat Krömer wieder viele Gäste aus Film und Fernsehen, Sport und Politik geladen, etwa Schauspielerin Katharina Thalbach, Boxer Graciano Rocchigiani und Schriftstellerin Hera Lind. Zum Drehstart am Sonntag saßen Sarah Wiener und Norbert Blüm an der Seite des 31-jährigen Gastgebers. Eine spröde TV-Köchin und ein selbstverliebter ehemaliger Arbeitsminister: Beim Zusammentreffen mit dem nervös zappligen Krömer, dem selbst ernannten Robbie Williams vom Hermannplatz, ergibt das manchen komischen Moment.

So lässt sich der Gastgeber mit Vorliebe für schlecht sitzende Polyesteranzüge und unvorteilhafte Kassenbrillen von Wiener auf einer Elektrokochplatte ein Rührei zubereiten. Dabei gibt er seiner Mutter den uncharmanten Hinweis: „Pass auf, da kannst du noch was lernen.“ Woraufhin die derart Bloßgestellte von der Couch aufspringt und ihrem TV-Sprössling mit beherztem Schwung eine Schelle verpasst.

Damit hat Krömer offenbar nicht gerechnet, denn das Konzept der Show basiert eigenen Angaben zufolge auf Improvisation. Ein Drehbuch ist nicht vorgesehen – damit alle Beteiligten „länger ausschlafen können“, statt Texte zu lernen. Jedenfalls braucht Krömer ein paar Sekunden, um sich nach der schmerzhaften Handgreiflichkeit zu berappeln und den Gesprächsfaden wieder aufzunehmen.

Bei der Verkostung des Rühreis weist Sarah Wiener ihren Gastgeber auf ein Mantra der Unterhaltungsbranche hin: „Im Fernsehen darf man nie die Wahrheit sagen.“ Also schiebt sich Krömer zaghaft einen Happen in den Mund und sagt: „Mmmhh. Interessant.“

Vielleicht ist dieser Moment die Erklärung dafür, warum „Bei Krömers“ so gut funktioniert, dass die Show sogar für den Grimme-Preis 2006 nominiert wurde: Sie versucht eine Illusion aufrechtzuerhalten, die schöner ist als die Wahrheit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben