Berlin : Bei Martin Luther links

Johannes Rau wird auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt

Lothar Heinke

Der letzte Weg von Johannes Rau führt nach dem Staatsakt im Berliner Dom am kommenden Dienstag direkt zum Dorotheenstädtischen Friedhof: Vom Tor links neben dem Eingang ins einstige Wohnhaus Bertolt Brechts geht ein heller Sandweg auf die Statue Martin Luthers zu, der Reformator ist so etwas wie der Schutzheilige des Friedhofs, der seit altersher letzte Ruhestätte von Künstlern, Wissenschaftlern, Architekten, Baumeistern und Geistesgrößen der Berliner Universität war. Der Friedhof für die Mitglieder der evangelischen Dorotheenstädtischen Gemeinde im Herzen Berlins war auch zu DDR-Zeiten ein Ort, an dem Künstler und Schriftsteller begraben sein wollten – neben der Kapelle sind die Namen aufgelistet, einer so prominent wie der andere, vom Lyriker Erich Arendt bis zum Dichter Arnold Zweig.

Johannes Raus letzte Ruhestätte ist ein Ehrengrab und liegt etwas abseits der ausgetretenen Touristenpfade, vom Luther-Denkmal links den Weg entlang zu einer hellen Begrenzungsmauer. Sand ist aufgeschüttet, 50 Zentimeter tief saß der Frost im Boden. Rechts flankiert eine Eibe die Grabstätte Johannes Raus, schräg daneben eine kräftige Robinie. Wenn die Trauergäste am Dienstag vor dem Grab stehen, blicken sie geradewegs auf ein goldenes Profil an einem obeliskartigen Stein: Hier liegt Baumeister Karl Friedrich Schinkel begraben, dahinter erhebt sich das graue Mausoleum einer Familie Hitzig. Drei Reihen entfernt, am Birkenweg, haben sie einen Kranz aufs Grab von Heiner Müller gelegt, der seit zehn Jahren an dieser Stelle ruht, neben dem Grafiker Herbert Sandberg und dem Schauspieler Wolf Kaiser.

Johannes Rau mag diesen Ort zu seinen Lebzeiten auch deshalb gewählt haben, weil er jedem wie ein aufgeklapptes Geschichtsbuch begegnet. Zwölf Schritte vom Grab des einstigen Bundespräsidenten entfernt, eigentlich in direkter Nachbarschaft, steht ein riesiges stählernes Kreuz neben einem Sarkophag, unter dem einige Opfer der Todesnacht vom 22. zum 23. April 1945 begraben liegen, unter ihnen Klaus Bonhoeffer. Damals wurden Widerstandskämpfer bei einem Luftangriff im Gefängnis Lehrter Straße getötet oder von der SS erschossen. In Stein gemeißelt sind die Worte „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr“ – und die Namen Dietrich Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und Justus Delbrück, die an anderen Orten Opfer der Nazis geworden waren. Direkt daneben lesen wir 40 Namen von Menschen, zumeist Frauen, die mit 20 Unbekannten hier in einem Bombentrichter Ende April 1945 als letzte deutsche Opfer des Krieges bestattet wurden, wenige Tage bevor die Waffen schwiegen.

Gegenüber Raus Grab „ruht in Gott“ ein Konditormeister, daneben lesen wir die Namen einfacher Leute rings um die letzte Ruhestätte des Bürgerpräsidenten. Und auf dem Wege zum Ausgang streift den Besucher auch die jüngste Geschichte eines lange geteilten Landes. Nicht nur Brecht, Weigel, Becher, Seghers, Minetti, Marcuse und Gaus liegen hier – auch der einstige DDR-Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann.

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