Berlin : Bei Treffer Rabatt

Vier Wochen vor dem Anstoß ist in Berlin noch wenig von WM-Euphorie zu spüren

Bernd Matthies

Es gibt sogar WM-Champagner, im stabilen Karton mit dem Kichererbsen-Logo. Mag sein, dass er tatsächlich gekauft wird, falls Deutschland Weltmeister wird und Feiern über Fassbierniveau gefragt sind. Aber sonst? Das ist nur ein Beispiel für die Not von Herstellern, die in der ersten Euphorie WM-Lizenzen gekauft haben, aber ihren möglichen Kunden schon jetzt, Wochen vor der WM, mit den einschlägig gezierten Produkten nur noch auf den Wecker gehen.

Noch nie wurde eine Fußball-Weltmeisterschaft so früh so brachial vermarktet, und noch nie zeigte sich deshalb auch so früh der Überdruss. Wie groß ist das Interesse am Ereignis in Berlin wirklich? Eine Emnid-Umfrage für die „Berliner Morgenpost“ sieht die Stadt gespalten: 53 Prozent der Berliner freuen sich auf die WM, 49 Prozent aber erklären, dass ihnen der Rummel auf die Nerven gehe und dass sie sich vor Absperrungen und Verkehrschaos fürchten. Rar ist vor allem der harte Fan, der die WM-Meile vor dem Brandenburger Tor oder den Mini-Reichstag garantiert besuchen will: Nur 16 Prozent versprechen das.

Niemand weiß, ob diese eher diffuse Stimmung sich in den nächsten Wochen noch verschlechtert, oder ob umgekehrt die Euphorie erst kommt, wenn es wirklich losgeht. Mitentscheidend wird sein, welche Botschaft die ersten Bilder von den Brennpunkten transportieren: Weltmeisterlicher Rummel oder tote Hose? Wie auch immer: Ganz sicher ist nach dieser Umfrage, dass zumindest eine gewichtige Minderheit der Berliner großen Wert darauf legen wird, von der WM so wenig wie nur möglich mitzubekommen. Ein Vorgeplänkel findet derzeit am Treptower Park statt, wo die Anwohner überhaupt keine Neigung zeigen, ihre grüne Insel für siegestrunkene Fans, Großbildübertragungen und lärmende Rockbands herzugeben – sie gehen wohl mit Recht davon aus, dass dann die Nachtruhe für Wochen ausfällt und der Park anschließend ein Sanierungsfall ist.

Aber wird das Interesse überhaupt so groß sein? Senatssprecher Michael Donnermeyer, der Oberaufseher der Fanmeile, errechnete sich flink, dass 16 Prozent 450000 Menschen sind. Komme davon täglich jeder Zehnte, sei das in Ordnung, und zudem könne man mit vielen Touristen rechnen, sagt er. Doch das sind Rechenspiele, zumal es einen Riesen-Unterschied macht, ob der betreffende Zehnte nur kurz reinschaut und dann entsetzt flüchtet – oder sich in endlosen Rausch feiert. Wie stark wird die Stimmung an den spielfreien Tagen einbrechen? Können Spiele wie Ukraine–Tunesien am 23.Juni die Stadt überhaupt in Stimmung bringen? Und werden Leute, die Berlin wegen der WM besuchen, die Zeit nicht vor allem nutzen, um die Stadt zu besichtigen, statt sich auf seltsamen Fanveranstaltungen die Kante zu geben?

Eine Berufsgruppe, die gegenwärtig intensiv nachdenkt, sind die Restaurantbesitzer. Sollen sie an den sechs Spieltagen Fernseher aufstellen, damit überhaupt jemand kommt? Oder vergraulen sie damit gerade die Fußballmuffel unter ihren Gästen, die auf eine WM-freie Zone hoffen? Kreative Hoteliers versuchen es mit materiellen Anreizen: Im Ritz-Carlton dürfen Veranstaltungsplaner auf eine Torwand schießen; für jeden Treffer gibt es fünf Prozent Rabatt…

Alle Planspiele setzen voraus, dass die Fans loyal sind und alle Möglichkeiten des Amüsements nutzen. Viele aber sind sauer, weil sie keine Karten bekommen haben oder sich die Eintrittspreise nicht leisten können, weil sie sich über die selbstherrliche Art der Fifa ärgern oder einfach nur von der deutschen Mannschaft nichts erwarten. Denkbar, dass gerade dieser harte Kern beleidigt zu Hause bleibt und sich damit begnügt, die interessanten Spiele im Fernsehen zu verfolgen. Dann könnte es draußen sehr ruhig sein.

Ein genialischer Vermarkter aus Königs Wusterhausen will übrigens WM- Luft in Tüten abfüllen und für fünf Euro verkaufen. Wer sie einatmet, wird aber wohl feststellen, dass sie von der ganz normalen Berliner Luft absolut nicht zu unterscheiden ist. (Seite 15)

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