Berlin : Beim Barte des Proleten

Vom sozialistischen Hof-Theater zur bürgerlich-privaten Bildungsanstalt. Das Kabarett „Die Distel“ an der Friedrichstraße ist 50

Thilo Köhler

Fünfzig Jahre, fünf Millionen Zuschauer! Wer wollte Kabarett da noch als „Kleinkunst“ bezeichnen? Mehr als einhundert Programme gingen über die Ost-Berliner Bühne der „Distel“ an der Friedrichstraße. In den Jahrzehnten des DDR-Staatskabaretts erfreuten sich die Zuschauer vor allem am mildem Spott über die Engpässe des real existierenden Alltags.

Zu denen gehörte stets auch die Schwierigkeit, sich auf normalem Wege Zutritt in eines der Programme zu verschaffen. Der DDR-Bürger tauschte ja nicht nur Fliesen gegen Westgeld; oft genug auch wurde eine Eintrittskarte in die „Distel“ mit einer Dachrinne für die marode Datsche des Kassierers aufgewogen, in der Nacht vor der Premiere rollten Enthusiasten ihre Decken aus und hofften auf die letzten Tickets an der Abendkasse. Und die Programme der volkseigenen Spötter lebten vom Beschaffungswitz der Planwirtschaft, denn irgend etwas gab es immer, das es nicht gab. Und also trug schon ihr Debüt- Programm den direktiven Titel: „Hurra, Humor ist eingeplant!“

Mit dem startete die Distel am 2. Oktober 1953, kurz also nach dem 17. Juni. Die Parteiführung hat das so beschlossen – und signalisierte damit kaum ihren besonderen Sinn für Humor; man wollte den „Insulanern“ im Westen mit einem eigenen Brett’l Paroli bieten.

Dieser Auftrag bot der Distel einigen Spielraum – wenn auch begrenzten: In den Archivregalen stehen zwölf Meter gebundene Programmtexte – zwei Meter davon Texte ungespielter Aufführungen. Wirklich gefährdet allerdings war die Distel nur einmal, nach dem berüchtigten 11. Plenum der SED 1965; man wolle sich nicht mehr „von jedem beliebigen Schreiber anspucken“ lassen, beschied Walter Ulbricht. Zu den Autoren zählten immerhin Erich Loest, Günter Kunert, Jurek Becker und Wolf Biermann.

Bei ideologischen Strapazen wurde aber gewöhnlich eher ein Direktor abgesetzt als ein Programm, auch wenn dies einen Titel wie „Die Macht ist nicht allein zum Schlafen da“ trug oder „Wer einmal in den Fettnapf tritt“. Die Funktionäre bekamen zwar Premierenkarten, fühlten sich dafür aber nicht angesprochen und klopften in den ersten Reihen ihre Schenkel.

In ihren mehr als fünfunddreißig DDR-Jahren bewegten sich die Brett’l-Profis stets auf dem schmalen Grat zwischen Nationalpreis und Verbot. Natürlich erfüllte die staatlich alimentierte Distel stets ihren Doppelauftrag, die volkseigenen Bürger zum Schmunzeln über ihre vermeintlich kleinen Sorgen zu bringen und zum anderen die „Bonner Ultras“ und „Westberliner Frontstadtpolitiker“ Mores zu lehren. Der Tagesspiegel schlug zurück und ordnete die Distel der Gattung „Carthanus tintorius“ zu, der Färberdistel. Deren streng riechende Blüten seien schon im Altertum zum Rotfärben benutzt worden. Statt des Floretts führte man auf beiden Seiten das zweihändige Schwert.

In die Herzen der Zuschauer aber spielte sich das Ost-Berliner Kabarett nicht mit ideologischen Scharmützeln, sondern mit den hausgemachten Kalamitäten: „Toilettenpapier ist doch kein Luxus… – Na, ab und zu gibt es doch schon… – Ja, aber wir müssen nicht ab und zu, sondern jeden Tag. – Ach, lecken Sie mich doch…“

Dennoch waren die Distel-Programme gerade in den fünfziger Jahren erstaunlich vielfältig; schließlich gelten diese Jahre nicht nur als besonders doktrinär, sondern auch als höchst gefährliche Zeit. In Leipzig wurden studentische Kabarettisten verhaftet, Christoph Hein erzählt in seinem Roman „Der Tangospieler“ von den Folgen, die ein kurzer Kabarett-Auftritt für den Helden nach sich zog.

Dennoch ist gerade die Mischung aus politischen Gefahren, wirtschaftlichen Kalamitäten und privater Sentimentalität, auch im Angesicht der noch nicht endgültigen Teilung, der historische Humus, auf dem die Distel wohl gedieh. Mit dem Bau der Mauer war ihr dieser Boden entzogen, und bis zu deren Fall fand die Distel nie mehr zu ihrer ursprünglichen Form zurück.

„Und wieder tönt es voller Ungeduld: daran sind nur die Funktionäre schuld.“ Zeilen wie diese gab es in den Sechzigern längst nicht mehr, die Kritik am Schranzentum oder gar an führenden Genossen selbst war hinter der Mauer verschwunden. Das Programm „Beim Barte des Proleten“ führte umgehend zur Auswechselung des Bühnenchefs – allzu unbotmäßig erschien die Anspielung auf den bartbewehrten Parteichef. Dessen Losung vom „Überholen, ohne einzuholen“ erfüllte ohnehin jeden Kabarettisten mit Neid.

Zwischen Mauerbau und Beginn der siebziger Jahre lag ein Jahrzehnt der kabarettistischen Stagnation. Und während sich die Literatur schwerblütig mit ihrer „Ankunft im Alltag“ beschäftigte, kämpften sich die Programme der Distel weniger durch die alltäglichen Mängel an Demokratie, sondern vielmehr durch die Versorgungslücken des täglichen Bedarfs.

Mit Honeckers Machtantritt verbanden auch die Distel-Akteure neue Hoffnungen. Schon nach fünf Jahren, mit dem Biermann-Rauswurf, zerstoben sie wieder. Kurzzeitig aber durften die Ursachen für die desolate Wirtschaft sogar in der sozialistischen Arbeitsmoral, ja selbst in der bürgerlichen Doppelmoral der Einheitspartei gefunden werden. „Ach, du bist Jenosse, wa? – Nee, nee. Bloß, wir haben uns alle verpflichtet. Aber Verpflichtung ist das eine, Freitagnachmittag das andere. Nur die Genossen, die können nicht immer, wie sie wollen, die müssen manchmal so, wie sie sollen.“

Richtig hart wurde es für die Distel in den Achtzigern. Friedensbewegte und Umweltschützer brachten Themen in die Öffentlichkeit, die nicht nur fürs Kabarett Tabu waren. Die Reaktionen der Staatsmacht wurden unberechenbar, Debatten über den Raketenwald und das Waldsterben wurden unterdrückt, oder man schob die Gründe dafür sogleich dem Klassenfeind in die Stiefel. „Wir haben jedenfalls mit unserer Natur keine Schwierigkeiten wie die da drüben mit ihrem Rhein. In unserer Elbe sterben schon seit Jahren keine Aale mehr. – Ja, und unsere Wälder und Bäume sind ja auch noch sehr schön grün, na ja, sonst würde ja unsere Armee die Panzer und Raketen nicht grün pinseln…“

Mehr ging wirklich nicht – Peter Ensikat, heute Intendant und in den Siebzigern Hausautor der Distel, erinnert sich, wie er trotz der fast liebedienernden Komik ständig unterwegs war, neue Hiobsbotschaften von den so genannten „Programmabnahmen“ zu überbringen.

Kabarettgeschichte, ganz weit weg. Nach dem Mauerfall waren das die Schnurren, die man gern erzählte. Solange zumindest, bis die Distel vom düsteren Erbe eingeholt wurde. Als die Intendantin Gisela Oechelhaeuser als IM enttarnt wurde, war eine Zeit lang Schluss mit lustig.

Inzwischen ist auch dieser Fall Vergangenheit; das Leben geht weiter, und wer, wenn nicht das Kabarett selbst, hätte dies häufiger und ausdauernder besungen! Das ehemalige Hof-Theater Distel ist schon lange privat, dafür ist die ehemals private Meinung lange schon öffentlich.

Zu ihrem 50. Geburtstag schenkt sich die Distel, na was wohl, ein neues Programm; es ist ihr 106. und heißt: „Ende offen“ – nun ja. Wer die Geschichte des Ensembles kennt, weiß, dass früher schon allein seine Titel den heiligen Zorn der Mächtigen hervorriefen. Aber vielleicht ist das ja die eigentliche Wende und die Mimikry, am Markt zu überleben. Damals sondierten krachige Titel erst einmal die politische Lage, in die das neue Stück gestellt werden sollte, um gesellschaftliche Widersprüche zu bewegen; heute laden die Überschriften eher solvente Bildungsbürger zur gehobenen Volksbelustigung bei Sekt und Käsespießen. Und dann klopfen sie sich auf die Schenkel wie einst die Funktionäre und sind selbst Ziel des Spottes wie einst jene.

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