Berlin : Beim Barte des Proleten

Das Stadion der Weltjugend hieß zuerst nach Walter Ulbricht. DDR-Bürger nannten es „Zickenwiese“

Lothar Heinke

Wenn im „Stadion der Weltjugend“ etwas los war, war es meistens staatstragend. Der Bau war die größte Freiluftarena in Ost-Berlin. In nur 180 Tagen Bauzeit ist das Gegenstück zum West-Berliner Olympiastadion fertig geworden, zur feierlichen Einweihung am 27. Mai 1950 nennen die Genossen die ovale Sport- und Spielstätte „Walter-Ulbricht-Stadion“, der Volksmund drückt sich phantasievoller aus: „Zickenwiese“ – beim Barte Walter Ulbrichts.

Anfangs gibt es 15000 Sitz- und 41000 Stehplätze. Jubel, Trubel, Heiterkeit erfreuen der Jugendfreunde Herz, als zur Premiere das Deutschlandtreffen der FDJ das Stadion mit prallen blauen Blusen füllt, ein Jahr später wird es etwas bunter – im August 1951 kommen Hunderttausende zu den Veranstaltungen der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten. Hier gab es den unerreichten Zuschauerrekord für das volle Haus zwischen Habersath- und Chausseestraße: 70000 Zuschauer wollten die Wundermannschaft von Dynamo Moskau („Schlüpfer-Dynamo“ – wegen der knielangen Hosen) sehen. Am Ende wurde die DDR-Nationalmannschaft 5:1 besiegt. Neben dem Leipziger Zentralstadion war das Walter-Ulbricht-Stadion der am häufigsten für internationale Spiele genutzte Platz. Zum Beispiel kam am 17. November 1965 im Europacup Manchester United zum Armeesportclub (ASK) „Vorwärts“, ein Stehplatz kostete drei Mark Eintritt. Später konnten sich die Ost-Berliner Fußballfreunde stets auf zwei Ereignisse freuen: Zum Pokalfinale reisten die Fans aus dem ganzen Lande in Sonderzügen an und die Berliner genossen die Oberliga-Lokalderbys zwischen dem BFC Dynamo und dem 1. FC Union. Dabei gewannen meistens die Männer in den weinroten Trikots, denen ihr Chef Erich Mielke seine ganze Aufmerksamkeit schenkte.

Die Stasi hatte an diesen Tagen ihren Großeinsatz, nicht nur wegen der „durch ihr negativ-dekadentes Aussehen erkennbaren Fans“, wie es in einem Dokument heißt, sondern auch, weil die Mauer ganz nah am Stadion lag. Die Union-Fans revanchierten sich, indem sie sich über den Stasi-Club BFC lustig machten, stolz ihr „Eisern Union“ skandierten und beim Vorbeimarsch an der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik tausendfach „Deutschland! Deutschland!“ riefen…

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