Berlin : Beim Bommerlunder versackt

Hellmuth Karasek und sein Buch „Auf der Flucht“

-

Karasek komplett zum Mitnehmen. „Auf der Flucht“ heißt das Buch mit seinen Lebenserinnerungen – und holla! Schon das jugendliche Umschlagfoto vorn zeigt einen, der das Leben zeichnen wird, eine Personalunion aus Sturm und Drang mit stechendem Dramaturgenblick, der jeden Vorhang durchdringt, und sei der auch schon zum zehnten Mal gefallen. Der aktuelle Karasek ist hinten auf dem Buch abgebildet, und er gleicht eher jener Person, die an diesem Mittwoch abend im Weinkeller des Borchardt ein Heimspiel zu absolvieren gedenkt. Er ist, wie immer, heiterster Stimmung, und sein alter Freund und Kollege Volker Hage richtet die Stichworte an wie droben der Oberkellner das Schnitzel.

Karasek erzählt von seiner Jugend im österreichischen Bielitz, vom Schrecken der nationalsozialistischen Eliteschule, der er, das Muttersöhnchen, nicht entkommt: „Ich habe mich dauernd bemüht, dazubleiben, wo ich am liebsten in den nächsten Minuten weggegangen wäre.“ Ein Schlüssel für das weitere Leben? Die Gäste hören vom letzten Luxus-Weihnachtsfest 1944, das abrupt in die Flucht vor den Russen mündet; die nagelneue Märklin-Eisenbahn, ein Mal aufgebaut, bleibt zurück.

Später, ganz neu als Theaterkritiker der „Zeit“, versackt er beim Bommerlunder mit Günter Grass, „der damals noch mit mir sprach“, und muss morgens seinen Bericht über die Premiere unter der Dusche diktieren: „Der ist später in vielen Sammelbänden nachgedruckt worden.“ Rudolf Augstein kommt als kritischer Besucher zur Osnabrücker Premiere des epochalen Dramas „Die Wachtel“, das sein Kulturchef Karasek unter dem Pseudonym Daniel Doppler verfasst hat - und fällt dann ein vorsichtiges Urteil: „Du hältst dich jetzt aber nicht für einen Shakespeare, oder?“ Nein, das tut er nicht, nimmt noch einen Schluck Rotwein und dankt dem erheiterten Auditorium. Das Fernsehen kann zum Interview kommen. bm

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben