Berlin : Beim Fußball endet alle Politik

An der kleinen Bar im Kasino des Abgeordnetenhauses stand gestern auf dem Tresen ein Deutschlandfähnchen. Auch die Sicherheitsleute vor der Zuschauertribüne des Plenarsaals demonstrierten ihre Vorfreude auf das frühabendliche Fußballspiel mit einem schwarz-rot-goldenen Hoheitszeichen, das vom eigenen Auto zeitweilig abgebaut worden war.

Das Parlament im EM-Fieber? Nicht ganz, aber die Tagesordnung wurde so präzise und konzentriert abgewickelt wie selten zuvor. Um 18 Uhr wollten die Abgeordneten vor dem Fernseher sitzen. Deutschland gegen Kroatien, nicht Rot-Rot gegen Jamaika. Punkt 13 Uhr eröffnete Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper die Sitzung, die zuvor im Ältestenrat von allem überflüssigen Klüngel bereinigt worden war. Ursprünglich 29 Tagesordnungspunkte, deren Abwicklung bis 21 Uhr gedauert hätte, wurden anpfiffgerecht eingedampft. Kaum ein Redner schöpfte sein Zeitkontingent aus, was Vize-Parlamentspräsident Uwe Lehmann-Brauns, „natürlich ohne jede Wertung“, wohlwollend zur Kenntnis nahm.

Nun war es nicht so, dass alle Volksvertreter schneller redeten. Aber sie formulierten knapp und effektiv, das schaffen sie sonst selten. Außerdem war es den fünf Fraktionen im Vorfeld gelungen, sich auf eine Aktuelle Stunde zum Kinderschutz zu einigen. Das ersparte die zeitraubende Begründungsrunde, warum dieses, aber nicht jenes Thema besonders aktuell sei. Die Fragestunde wurde nicht um eine Minute überzogen, auch wenn der SPD-Abgeordnete Ralf Hillenberg vom Innensenator Ehrhart Körting wissen wollte, ob die Polizei nichts Besseres zu tun habe als ein Deutschlandfähnchen von der Kühlerhaube eines Autos zu demontieren. Er kenne solch einen Fall. Körting nahm die Polizei in Schutz, die eine Sichtbeeinträchtigung des Fahrers – bei allem Verständnis – nicht dulden könne.

Gähnende Leere in der Wandelhalle. Im Kasino leises Messer- und Gabelklappern und selbst die FDP-Abgeordnete Mieke Senftleben, die sonst keinem schulpolitischen Streit aus dem Weg geht, rechnete mit einer „friedlichen Sitzung“. So kam es auch. Kaum war der Kinderschutz abgehandelt, wurden das Kohlekraftwerk und die Hartz-IV-Wohnkosten durchgepeitscht. Da war es erst halb Fünf. Noch ein Wort zur Staatsoper und zu Schulinspektionen. Um 17.21 Uhr stellte sich das Parlament endgültig ins Abseits. za

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben