Berlin : Beim Geburtstagsempfang Einsatz für politische Streitkultur

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Sie ist in etwa die Queen Mum der bundesdeutschen Politik - Annemarie Renger, Sozialdemokratin, ehemalige Bundestagspräsidentin und nicht zu übersehen. Seit gestern ist sie 80, und deshalb empfing sie vormittags ihre Familie, Freunde und politische Schwergewichte im Opernpalais. Den Bundeskanzler hatte eine Erkrankung verhindert, aber es kamen Wolfgang Thierse, Christine Bergmann, Helmut Kohl und Manfred Stolpe. Und ein bisschen etwas von Hof halten hatte die Szene angesichts der langen Gratulantenschlange, die unter Kronleuchtern auf Rengers festen Händedruck wartete, durchaus. Von Queen Mum weiß man, dass sie dabei einen guten Schotten im Glas selten verschmäht, Annemarie Renger nahm nicht einmal einen Schluck Wasser. Wohl vergleichbar ist allerdings die Welle von Respekt und Sympathie, die beiden entgegenschlägt, und die politische Lagergrenzen überbrückt. Frau Renger wurde das fast zuviel: "Ich bin hart im Nehmen, wenn die Leute Schlechtes über mich reden, aber wenn sie so viel Gutes sagen, das rührt mich zu Tränen." Altbundeskanzler Helmut Kohl, hatte da schon eine veritable Liebeserklärung an die jetzige Präsidentin des Arbeiter-Samariter-Bundes gerichtet: "Ich bin ja jetzt ein freier Mann", sagte Kohl lachend, und deshalb kann er der ehemaligen - nur politischen - Gegnerin auch unumwunden "großartigen, umwerfenden Charme" attestieren. Auf den Gedanken, dass er ja nun die erste Frau im zweithöchsten Staatsamt, im Amt der Bundestagspräsidentin, vor sich habe, sei er damals nie gekommen: "Sie waren einfach da." Erst der jetzige Präsident Wolfgang Thierse sagte, sie habe auch einige Wege für Frauen in die Politik geebnet. Diese wache Präsenz, von der alle schwärmten, war gestern zu spüren, als Frau Renger in ihrer Rede für eine politische Streitkultur eintrat, die den Beteiligten ihre Würde lässt. Da hatte sie nun auf ihrem Geburtstagsempfang mehr gesagt, als man je aus dem Munde der Queen Mum erwartet hätte.

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