Berlin : Beim Mann vom Hunni

Elisabeth Binder

Die hohen, modernen, lichtdurchfluteten Räume, in denen die Gemäldegalerie am Kulturforum untergebracht ist, bilden einen ausgesprochen reizvollen Kontrast zu den Alten Meistern, die dort hängen. Madonnen ohne Ende, Engel, Heilige, alttestamentarische Figuren in vielen Lebenslagen: Die Zeiten ändern sich, die Menschen nicht. Von den Wänden schlägt dem Besucher eine sinnliche Farbenpracht entgegen, Botticelli, Caravaggio, Rubens. Und noch viele andere. Es ist kühl hier, sehr still und sehr luftig. Richtig angenehm, vom Rummel, den große Sonderausstellungen immer häufiger verursachen, ist hier nichts zu spüren.

Manche Menschen haben die Angewohnheit, auch mal nur ein einziges Bild zu besuchen, wenn sie sich ins Museum begeben. Es mag verschwenderisch wirken, kann sich aber lohnen, die bunte Vielfalt vorübergehend zu ignorieren und einem einzigen Werk die Ehre zu geben. Wie wäre es mit Sebastian Münster, porträtiert um 1552 von Christoph Amberger? Der Mann hat einen empfindsamen Mund und sehr versonnene Augen, die weit in die Ferne blicken, vielleicht bis zum heutigen Tag. Er trägt einen schwarzen Hut und einen Pelzschal zum rot abgesetzten Rüschenhemd. Und er freut sich über Besuch, denn sein Ruhm ist etwas verblasst. Lange blickte er jedem glücklichen Besitzer eines Hundertmarkscheins auf seine mild visionäre Weise entgegen. Daran erinnert sich heute nicht mal mehr die Wächterin, die im Eingang von Raum 4 steht.

Egal, die Gemäldegalerie wirkt schon in normalen Zeiten wie eine Oase für gestresste Großstädter. Jetzt erst recht.

Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18, Donnerstag bis 22 Uhr, Tel. 266 29 51

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