Berlin : Beim Notruf klingelt’s immer öfter

Eine neue Software sollte helfen, überflüssige Einsätze der Feuerwehr zu vermeiden Dennoch steigt die Zahl der Rettungsfahrten, weil alte Menschen häufiger Krankenwagen rufen

Jörn Hasselmann

Bei der Feuerwehr ist die Zahl der Einsätze im vergangenen Jahr dramatisch gestiegen. Im bislang unveröffentlichten Jahresbericht heißt es, dass die roten Autos 313 000 Mal ausrücken mussten. Im Jahr 2005 waren es noch 292 000 Einsätze, 2004 etwa 279 000. Vor allem die stark steigende Zahl der Rettungswageneinsätze macht der Feuerwehr Sorgen. Aus Sicht der Behördenleitung ist die demografische Entwicklung Ursache für das stetige Plus an Einsätzen: Alte Menschen rufen häufiger den Krankenwagen. Intern erwartet die Feuerwehr von 2006 bis 2010 einen Anstieg der Rettungseinsätze um 40 Prozent.

Ein großer Teil dieser Einsätze ist aus Sicht von Experten jedoch überflüssig. „Die Berliner rufen die 112 an, wenn sie sich den Fuß verstaucht oder einen Fingernagel eingerissen haben“, kritisierte ein Beamter. „Da hat sich eine Kultur eingeschlichen, dass wir alles machen.“ Der Notruf 112 werde sogar gewählt, wenn der Wasserhahn tropft oder die Katze verschwunden ist. 2006 klingelte es bei der 112 etwa 1,2 Millionen Mal – aus fünf Anrufen wird also im Schnitt ein Einsatz. Bei der Polizei liegt dieses Verhältnis weit besser: Aus zwei Anrufen wird ein Einsatz. Eine Erklärung gibt es dafür nicht.

Eine im Jahr 2005 in der Notrufzentrale eingeführte amerikanische Software hat entgegen den Erwartungen keine Verbesserungen gebracht. Eigentlich sollte das „Standardisierte Abfrageprotokoll“ (Snap), das den Beamten am Telefon die Fragen exakt vorgibt, die Zahl der Einsätze verringern. Das Gegenteil ist eingetreten. Zudem finden die vielen Fragen – das Gespräch dauert etwa eineinhalb Minuten – in der Bevölkerung keine Akzeptanz. „Kaum einer will so lange befragt werden“, sagte ein Beamter, „häufig blaffen die Anrufer zurück: ,Nun fragen Sie nicht so viel, sondern kommen Sie’.“ Früher konnten die Männer in der Leitstelle – alles erfahrene Feuerwehrleute – selbst entscheiden, wie viele und welche Feuerwehrautos sie zu einem Einsatz schicken. Dem Vernehmen nach wurde jetzt ein leitender Beamter damit beauftragt, die Fragen von „Snap“ zu durchforsten, ob diese wirklich notwendig sind. Kritiker des Systems bemängeln, dass man Änderungen nicht selbst vornehmen dürfe – dazu muss ein Antrag bei der US-Firma gestellt werden. Die Bevölkerung soll mit einer Werbekampagne informiert werden, dass die Fragen „keine Schikane, sondern Hilfe“ sind.

Angesichts der steigenden Einsatzzahlen wird der Personalmangel immer problematischer. Wie berichtet, will die Feuerwehr ab 2008 die Zahl der Fahrzeuge und des Personals vor allem nachts deutlich reduzieren, um die neue EU-Arbeitsschutzrichtlinie umzusetzen. Denn Feuerwehrleute dürfen statt bislang 55 Stunden nur noch 48 Stunden arbeiten. Personalrat und Gewerkschaft fordern mehr Personal. „Wir brauchen 300 neue Leute, um zumindest den derzeitigen Minimalstandard zu halten“, sagte Personalrat Klaus Krzizanowski. Zugesagt vom Senat seien 2007 bislang nur 75 neue Leute. Am Dienstag und Mittwoch will Landesbranddirektor Wilfried Gräfling auf Personalversammlungen die 3800 Feuerwehrleute über die derzeitige Lage und das neue Einsatzkonzept informieren.

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