Berlin : Beim schriftlichen Abitur soll absolute Funkstille herrschen

REGINA MÖNCH

Auf der Höhe der Zeit: Handy-Verbot im Prüfungsraum und auf dem SchulkloVON REGINA MÖNCH BERLIN.In Krankenhäusern, Flugzeugen, vielen Tankstellen sind sie schon unerwünscht: Handys.Jetzt folgen die Schulen.Was im Unterricht von Lehrern noch als freundliche Bitte formuliert wird, steht nun erstmals in den Durchführungsbestimmungen zum schriftlichen Abitur als klares Verbot."Der Gebrauch von Funktelefonen" sei strikt zu untersagen, heißt es da.Als mögliche Orte konspirativer Nachrichtensammlung sind in dem Rundschreiben des Landesschulamtes vor allem Toiletten hervorgehoben. Den 13 000 Abiturienten der Stadt, die seit gestern und noch bis zum kommenden Freitag über den Abiturklausuren brüten, soll also Funkkontakt zu Helfern nach draußen unmöglich sein.Das Verbot ist allerdings eher eine präventive Maßnahme.Nur hat sich der zuständige Oberschulrat fürs Berliner Abitur, Gerhard Nitschke, im Vorfeld der alljährlichen Prüfungen eben auch auf den neuesten Stand in Sachen Täuschungsmanöver gebracht.Aus Schweden wurden bereits Fälle gemeldet, in denen Prüflinge sich derart ihr Wissen auffrischen ließen.Und auch in Hongkong fiel ein Schüler durchs Abitur, weil er von einem aufsichtführenden Lehrer auf der Toilette beim mobilen Telefonieren - er ließ sich die Ergebnisse von Mathematikaufgaben durchgeben - belauscht worden war. Das Berliner Abitur-Rundschreiben wurde ergänzt, weil der "technische Fortschritt" eben nicht aufzuhalten sei.Die Schulen sehen das gelassen.Leibesvisitationen seien ohnehin ausgeschlossen, meint Wolfgang Bartsch, Koordinator der 83 Abiturienten des Wilmersdorfer Walther-Rathenau-Gymnasiums.Doch schon in der Nachbarschule, dem Hildegard-Wegscheider-Gymnasium, setzt die Schulleitung auf "gesundes Mißtrauen": Die Prüflinge mußten einen eigenen Merkzettel unterschreiben, der ihnen das Benutzen ihrer mobilen Telefone untersagt."Prüfungen sind nun mal anfällig für einen gewissen Unterschleif", sagt der Schulleiter Lutz Beutler.Lehrer hätten davon auszugehen und alles zu unternehmen, um Betrug zu verhindern. Doch gegen die klassischen Prüfungsbegleiter - die winzigen, in Manschetten, Pulloveraufschlägen oder auch auf dem Ziffernblatt von Armbanduhren versteckten Spickzettel - ist kein Kraut gewachsen.Daran zweifeln weder Lehrer noch Kontrolleure.Auch könne es wohl niemand verhindern, glaubt Oberschulrat Nitschke, daß sich ein gestreßter Abiturient eventuell auf die Schultoilette zurückzieht, um auf dem mit kleiner Schrift eng beschriebenen Oberschenkel zu vergleichen, wie richtig er auf dem Wege zum Abiziel nun liegt.Es gibt Schulen, die legen Strichlisten an, auf denen der Besuch der in Prüfungszeiten so stark frequentierten Schultoiletten vermerkt werden soll - doch nachgewiesener Betrug bleibt absolute Ausnahme.Und raffinierte Täuschungsmanöver wie die eines Münchner Rechtsanwaltes, der für seine Freunde die Staatsexamen schrieb, sind älteren Semestern vorbehalten - setzen sie doch auch auf die Anonymität einer Universität . Aufregung gab es im vergangenen Schuljahr im Vorfeld des Abiturs: In einer Schule war eingebrochen worden, um verschlossene Prüfungsfragen zu stehlen.Doch der Tresor hielt dicht, auch konnte der Fall nie aufgeklärt werden.Prüfungsunterlagen, so die Weisung an alle Lehrer, seien sorgfältigst wegzuschließen bis zum großen Tag. Doch an dem scheinen eher noch Lehrer denn Schüler die Nerven zu verlieren.Schulleiter Lutz Beutler gibt freimütig zu, in der Aufregung schon vergessen zu haben, wo er die Prüfungsfragen versteckte.Denn einen Tresor besitzt seine Schule - wie andere auch - nicht.Bei Gerhard Nitschke klingelt in der Abiturzeit Jahr für Jahr das Telefon, weil ein verzweifelter Lehrer um Beistand ruft.In aller Regel ist es dann passiert, daß er am Prüfungsmorgen das falsche Thema aus dem versiegelten Umschlag fischte.Nitschke klärt dann, ob man es trotzdem zulassen darf oder die Prüfung im zweiten Anlauf erst Stunden später beginnt.

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