Berlin : Beim Sommerfest im Schloss Bellevue wird Pflicht zur Kür

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„I got rhythm“, spielt die Band auf der ersten Galerie. Unten , im Foyer des Bundespräsidialamtes, nehmen Bundespräsident Johannes Rau und Frau Christina und seine Vorgänger Walter Scheel mit Frau Barbara und Richard von Weizsäcker mit Frau Marianne Platz. Sie sind gekommen, um Walter Karschies zu verabschieden, der seit 16 Jahren die unter anderem für Organisation, Finanzen und Personal zuständige Zentralabteilung geleitet hat und vor allem für den Umzug nach Berlin zuständig war. Zur großen Kür lief Karschies immer dann auf, wenn es galt, Großveranstaltungen zu organisieren, wie das Sommerfest des Bundespräsidenten, das am heutigen Freitag stattfindet.

Ein Fest mit 5000 Gästen auszurichten, mag eine Herausforderung sein, für den passionierten Logistiker, der in der Ära Helmut Schmidt einst angefangen hat, die legendären Kanzlerfeste zu gestalten, ist es (fast) kein Problem. Dass er es liebt, zwischen Bauleuten und deren Nutznießern in der Verwaltung zu vermitteln, sollte sich später noch als dauerhaft nützlich erweisen. Solche Fähigkeiten kamen nach der Wiedervereinigung groß in Mode; besonders, als nach dem Umzugsbeschluss das Bundespräsidialamt den großen Treck von Bonn nach Berlin anführte. Als Umzugsbeauftragter, der ständig hin- und herpendelte, kannte er bald „jede Wolke zwischen Berlin und Bonn".

Dass er schon im März 65 Jahre alt geworden ist, sieht man Walter Karschies nicht an. „Der Stress hält mich wahrscheinlich jung", lächelt er. Kollegen und Mitarbeiter loben seine Loyalität den jeweiligen Bundespräsidenten gegenüber und die Solidarität mit den Kollegen. Jemand, der eine so erfolgreiche Karriere hinter sich hat, kann sich natürlich auch nicht nur Freunde gemacht haben. Längst hat er auch einen Ruf als graue Eminenz, als Strippenzieher von Einfluss, der auch polarisieren kann. 1957 fing der gelernte Rechtsanwalts- und Notargehilfe bei der Bundeswehrverwaltung an. Drei Kanzlern diente er später, Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl und danach noch drei Bundespräsidenten: Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und Johannes Rau.

Bei den großen Festen spielte jedesmal ein Schwerpunkt des amtierenden Bundespräsidenten eine Rolle bei der Themengebung. Das Motto „Versöhnen statt spalten" legte es nahe, diesmal unter der Überschrift „Treffpunkt der Kulturen" zusammenzukommen. Etwa 5000 Menschen aus allen Bereichen der Gesellschaft, Politiker ebenso wie Bürger, die sich im Sozialen engagieren, in den Kirchen oder in der Kultur, kommen am heutigen Freitag im Garten des Schlosses Bellevue zusammen, um dem Jacaranda Ensemble aus Brandenburg zu lauschen, das Klassik mit exotischen Instrumenten aufführt, oder Nuri Karademirli & Quartett, die klassische türkische Musik darbieten. Außerdem gibt es Kosmische Tänze und Improvisationstheater.

Die meisten Gäste empfinden die Teilnahme an dem Fest als besondere Auszeichnung. Ohne Sponsoren wäre das alles nicht zu machen, und um die kümmert sich Karschies grundsätzlich persönlich, denn das Fest soll und darf möglichst keine Steuergelder kosten. Peter Dussmann gehört zum Beispiel dazu, der ist auch zur Verabschiedung gekommen. Während sich mancher angesichts des kulturellen Feuerwerks im Schlossgarten noch fragen mag, ob das nun der glanzvolle Schlusspunkt ist, führt Karschies schon Gespräche fürs nächste Jahr. Mindestens bis zum Ende seiner Amtszeit hat ihn Bundespräsident Johannes Rau gebeten, möge er auf freier Basis noch weitermachen. „Who could ask for anything more?“, intoniert die Kapelle auf der Galerie. Wer könnte noch mehr verlangen? Ohne ihn, den kontaktreichen Regisseur hinter den Kulissen, wäre ein solches Incentive für gesellschaftliches Engagement in allen Einkommensklassen vielleicht viel schwerer zu verwirklichen.

Der Chef des Bundespräsidialamtes, Rüdiger Frohn, hat in schönster Fußballmetaphorik schon die Hartnäckigkeit und das Geschick des „Allrounders in allen Spielklassen“ gelobt, während der Personalratsvorsitzende, Hans Eilers, von der Wichtigkeit spricht, den Ball gelegentlich auch flach zu halten. Schließlich überreicht Frohn das Ehrentrikot der Mannschaft des Bundespräsidialamts. Aufgedrucktes Motto: „Auf Worte folgen Taten.“Elisabeth Binder

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