Berlin : Beim Sonntagsverkauf ist der Potsdamer Platz eine Insel

CAY DOBBERKE[KATJA FÜCHSEL]

Beim Sonntagsverkauf von Freizeit- und Touristenbedarf wird die Innenstadt vom kommenden Wochenende an zweigeteilt sein: Während in den Potsdamer-Platz-Arkaden bis zu 39 Läden öffnen wollen und die Händler die Beschränkung des zulässigen Sortiments teils ignorieren, ändert sich am Kurfürstendamm und an der Friedrichstraße wohl wenig. Kaufhäuser, Groß- und Supermärkte bleiben geschlossen, weil sie nur mit einem Bruchteil ihres Angebots handeln dürften, was in Häusern wie dem KaDeWe und den Galeries Lafayette als "unpraktikabel" gilt. Doch auch das Interesse kleinerer Läden ist vielerorts gering.Am Potsdamer Platz wollen unter anderem die "Leder-Börse" und das Modegeschäft "Ulla Popken" innerhalb der erlaubten Zeit von 11 bis 19 Uhr verkaufen. Genau genommen werden aber beide gegen die Verordnung über die neuen "Ausflugs- und Erholungsgebiete" verstoßen. Denn die Portemonnaies und Koffer im Lederwarengeschäft gelten nach Ansicht der Behörden weder als "Andenken", noch stehen sie auf der kurzen Liste anderer erlaubter Artikel (Badegegenstände, frische Früchte, alkoholfreie Getränke, Süß- und Tabakwaren, Blumen, Zeitungen, Milch und Milcherzeugnisse). Bei "Ulla Popken" will man der Vorschrift genügen, indem sonntags nur Bademode verkauft wird. Was die Chefs des Modeladens wohl nicht ahnen: Sie bräuchten sogar einen gesonderten Verkaufsraum. "Es reicht nicht, den anderen Verkaufsbereich einfach abzutrennen", sagt Robert Rath vom Landesamt für Arbeitsschutz.Die Behörde will am Sonntag in Einkaufszentren präsent sein, vor allem in den Arkaden. Es gehe aber nicht um Bußgelder, sondern um Informationen für die Händler, betont Rath. Im vergangenen Monat zählte das Amt rund 250 Anfragen zur Verordnung. Nach dem Tagesspiegel-Bericht über den Start des Sonntagsverkaufs erkundigten sich am Dienstag Dutzende Händler.Trotzdem kann von regem Interesse kaum die Rede sein. Für die Händler auf dem Kurfürstendamm scheint die neue Regelung eher von theoretischer Bedeutung zu sein. "Wir haben ohnehin seit Jahren eine Sondergenehmigung", sagt der Souvenirhändler vom "City-Shop". Bei "Foto Fix" wirbt man seit einiger Zeit mit einem Plakat über dem Eingang: "Sonntags geöffnet von 11 bis 19 Uhr". Eine Premiere wird es in dem Fotolabor aber nicht geben. "Wir hatten schon die letzten zwei Wochen sonntags geöffnet."Doch der allergrößte Teil der Geschäftsleute fühlt sich weiterhin von der gemachten Einschränkung aus dem Rennen geworfen. "Wir werden nicht ein passendes Angebot für die Touristen einrichten", heißt es bei Hugendubel. Wenn alle Geschäfte eine Verkaufsgenehmigung erhielten, sei auch Hugendubel dabei. Wie in Leipzig. "Da haben wir immer sonntags geöffnet."Dabei gäbe es am Kurfürstendamm und an der Tauentzienstraße ein paar Geschäfte, die sich mit ihrem Angebot an der Einschränkung vorbeimogeln könnten. Im "H & M Beauty Shop" stehen auch Waschlotion und Haarshampoo im Regal - Badezubehör also. Dennoch erhält man hier die gleiche Antwort wie nebenan bei "Yves Rocher": "Wir öffnen sonntags nicht." Jedenfalls solange nicht, bis der Senat wieder einmal eine Sondergenehmigung für alle Geschäfte erlasse. Denn an vier Sonntagen im Jahr darf in ganz Berlin und ohne Einschränkungen verkauft werden - das nächste Mal am 19. September wegen der Festwochen.In der Friedrichstraße war nur ein Geschäft zu finden, das am Sonntag öffnen wird (und dies seit längerem tut): der Souvenirshop von "Planet Hollywood". Die Galeries Lafayettes könnten laut Geschäftsführer Patrice Wagner wohl ihre Lebensmittel- und Bademodenabteilungen öffnen. "Aber es macht keinen Sinn, ein 8000-Quadratmeter-Haus zu zerstückeln." In kleineren Geschäften beruht das Desinteresse auch auf schlechten Umsatzerwartungen. So hatte die Confiserie "Most" schon einmal sonntags verkauft, aber nur 60 Mark eingenommen. "Keine gute Lösung" sieht Dorothee Ströbe von der Händlergemeinschaft IG Friedrichstraße in der Verordnung. Sie sei "ein Beispiel dafür, daß die komplette Abschaffung des Ladenschlusses notwendig ist".Anders sehen das die Gewerkschaften. HBV-Landeschef Manfred Birkhahn sprach von "einem Versuch, eine Bresche in das Ladenschlußgesetz zu schlagen" und bedauerte, daß eine Verbandsklage nicht zulässig sei. Birkhahn rechnet mit Mißbrauch und bezweifelt, daß "die zuständigen Stellen die Überwachung durchsetzen können".

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