Berlin : Belagerungszustände

Im BE warten Theaterfans auf ein kleines Glück: zurückgegebene Karten für die ausverkauften Vorstellungen von „Leonce und Lena“

Ariane Bemmer

Das soll doch toll sein! Wollen wir da nicht auch mal hin? Gibt’s denn noch Karten?

In jüngster Zeit wundert sich Gabi Hofmann oft, was vor ihrem Arbeitsplatz passiert. Da sitzen Menschen und warten. Einige sitzen auf Klappstühlen, die sie sich mitgebracht haben, um das Warten angenehm zu machen. Gabi Hofmann ist Sprecherin des Berliner Ensemble und die Menschen warten darauf, dass die Abendkasse öffnet. In der Hoffnung, dass jemand seine reservierte Karte für „Leonce und Lena“ nicht abholt. Die werden dann ab 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn an die Wartenden verkauft. Und damit es schön gerecht zugeht, können sich die Wartenden in eine Liste eintragen.

Gabi Hofmann nennt das Arbeiten im belagerten Theater einen „ungewohnten Zustand“. Aber den Grund dafür kennt sie genau: „Leonce und Lena“ sei einfach „ein tolles Stück“: „tolle Namen, tolles Ensemble“. Schon vor der Premiere waren die Karten außergewöhnlich gut verkauft, auf Kritiken haben nur wenige Theaterbesucher gewartet.

Bei der Premiere am 1. Mai hat’s das Publikum von Sitz gerissen, zehn Minuten lang toste der Beifall – und wer jemals zehn Minuten lang geklatscht hat, der weiß, was das bedeutet: geschwollenen Handflächen, müde Oberarme und beginnende Kurzatmigkeit. Aber für „Leonce und Lena“ nahmen die 700 Gäste die Strapaze gern in Kauf, völlig enthusiasmiert von der Neuinszenierung des Büchner-Klassikers durch Theaterzauberer Robert Wilson und Rockpoet Herbert Grönemeyer. Gleich am nächsten Abend war es wieder voll und am nächsten auch.

Insgesamt sind 20 Vorstellungen anberaumt, am 16. Juni ist laut Plan die letzte. Der Vorverkauf für die Karten begann am 15. April – und zwar für alle Aufführungen. Was ungewöhnlich ist, weil normalerweise im Monatstakt verkauft wird. Aber das große Interesse war bei der Besetzung des Stücks vorhersehbar gewesen. Was es jetzt noch gibt, sind Karten für den zweiten Rang, Gruppe D, für sieben Euro. Die gibt es in unterschiedlichen Mengen – mal zehn, mal 90 Karten – für die Juni-Vorstellungen, für Mai sind auch die bereits vergriffen. Chancen auf eine reguläre Karte für die Mai-Vorstellungen gibt es im Moment nicht: „Für die Abendkasse wird nichts zurückgehalten“, sagt Gabi Hofmann.

Zu einem Schwarzmarkt hat das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage noch nicht geführt. Wer schnelles Geld machen will, kann’s vorm BE derzeit mal mit Klappstühlen versuchen.

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