Berlin : Belehren und kassieren

Die ersten Kiezstreifen starten nächste Woche. Den Ernstfall haben sie geprobt

Tanja Buntrock

Der junge Mann tritt in die Pedalen. Er saust über den Rasen. „Moment mal!“, tönt es von der Seite. Zwei Frauen halten ihn an. „Guten Tag, wir sind vom Ordnungsamt. Würden Sie bitte vom Fahrrad steigen.“ Der Radler wird belehrt: Fahrrad fahren im Park ist verboten. Diese Ordnungswidrigkeit kostet 20 Euro. Gezahlt wird möglichst sofort. Der Fahrradfahrer tobt. „Unverschämtheit! Ich hatte es eilig, was soll die Abzocke?...“ Am Ende zahlt er doch und schiebt sein Rad – wie vorgeschrieben.

Die Kiezstreifen-Anwärter proben den Ernstfall. Draußen, im Grünen, auf dem Gelände der Landespolizeischule. Mit den passenden Requisiten: einem Fahrrad und einem künstlichen Hundehaufen. Die Rollenspiele werden auf Video aufgezeichnet. Auf dem Programm steht „Verhaltenstraining“ – mit „realitätsnahen Übungen“, wie es Trainer Eckhardt Lazai nennt. Anfang Juli startete der erste Lehrgang mit 36 Mitarbeitern aus den Ordnungsämtern der Bezirke. Insgesamt sollen bis Jahresende 300 Kiezstreifen vor allem Grünanlagen sauberhalten und Ordnungswidrigkeiten ahnden.

Beim nächsten Team kommt der Plastik-Hundehaufen zum Einsatz. Eine Frau spaziert mit einem imaginären Hund an der Leine durch den Park. „Pfiffi“ macht sein Geschäft. Und schon sind die Kiezstreifen zur Stelle. „Junge Frau, ihr Hund hat hier gerade seinen Haufen hinterlassen. Das kostet 20 Euro. Und sie müssen den Haufen beseitigen“, sagt einer der beiden Kiezstreifen. Wieder Diskussionen. „Ich zahle schließlich Hundesteuer, das sehe ich nicht ein.“ Die Herren vom Ordnungsamt bleiben hartnäckig, drohen mit einem Bußgeldverfahren: „Und das wird richtig teuer.“ Die Hundehalterin gibt nach. Verächtlich wirft sie den 20-Euro-Schein auf den Haufen – und haut ab. Und nun? Hinterher rennen, eine Verfolgungsjagd quer durch den Park aufnehmen?

Nein. Die Kiezstreifen sagen, man müsse die „Verhältnismäßigkeit“ im Auge behalten. So viel haben sie gelernt: Die Erfahrung zeige, dass die meisten Leute – wenn auch erst nach Diskussionen – bereit sind, für die Ordnungswidrigkeit zu zahlen. Da das alles keine schweren Straftaten seien, müsse man auch nicht mit dem Schlagstock hinterherrennen. „Die Kiezstreifen sollen lernen, flexibel mit einer Situation umzugehen“, sagt Verhaltenstrainer Eckhardt Lazai. Und vor allem eines sollen die Ordnungshüter im Verhaltenstraining lernen: Egal, wie viel diskutiert wird: Ziel ist es, die „Sünder“ zu belehren und das Ordnungsgeld zu kassieren.

Stefanie Saschewag, 36, hat damit ein Problem. „Mir war nicht klar, dass es nicht nur ums Ermahnen geht, sondern dass auch sofort abkassiert werden soll“, sagt sie. Bislang saß sie im Bezirksamt Mitte „an der Pforte“. Sie hat sich freiwillig für die Kiezstreifen-Ausbildung beworben, mit der verlockenden Aussicht auf eine volle Stelle. Doch im Lehrgang sei ihr klar geworden, dass es keine leichte Aufgabe werden würde, „weil die Leute, sobald es ans Kassieren geht, aggressiver werden“, glaubt sie. Ihre Kollegin Karin Will, 42, pflichtet ihr bei: „Wir haben ja gar keinen Handlungsspielraum.“ Da hieße es „komplett umdenken“, sagen sie. Am 1. September starten die ersten Kiezstreifen. Dann beginnt für sie der Ernstfall.

Den Verwarnungsgeldkatalog haben die Kiezstreifen künftig immer dabei, wenn sie in Parks oder auf Straßen unterwegs sind. Folgende Bußgelder sind vorgesehen:

HUNDE

Laufenlassen im Park ohne Leine: 25 Euro;

Mitnehmen auf den Kinderspielplatz: 25 Euro;

Haufen liegen lassen: 35 Euro

MÜLL

Mit Bierbüchse werfen: 20 Euro;

Grillsachen nicht wegräumen: 35 Euro

LÄRM:

Störende Geräusche nach 22 Uhr: 35 Euro;

Laute Radios in der Öffentlichkeit: 35 Euro

IM PARK:

Autofahren in Grünanlagen: 30 Euro;

Grillen außerhalb der dafür ausgewiesenen Flächen: 20 Euro;

Radeln abseits der Radwege: 10-20 Euro;

Pflanzen beschädigen oder zerstören: 35 Euro

AUF DER STRASSE:

Alkohol trinken im Sitzen oder Liegen: 5 Euro;

Alkohol trinken im Gehen: ist erlaubt;

Verschmutzen: 20 bis 35 Euro; zu spät oder zu wenig Schnee schippen: Anzeige wegen Ordnungswidrigkeit. fk

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar