Berlin : Benefizkonzert: Eine Partisanin verwirklicht ihre Träume

Elisabeth Binder

Wie eine klassische Charity Lady wirkt sie nicht. Sie redet viel zu engagiert, zu unabhängig, und: die unkomplizierte Frisur ist eher die einer hart arbeitenden Frau als die einer wohltätigen Dame der Gesellschaft. Ihr Lieblingssatz lautet "Ich habe einen Traum". Ihre Attitude verrät: "Ich verwirkliche diesen Traum." Barbara Monheim ist Vorsitzende des deutsch-polnischen Vereins für Osteuropa. Ihr Traum ist, dass polnischer Sinn für Idealismus und Romantik sich vereint mit deutscher Ordnungsliebe und Disziplin, dass eine große Prise Hilfsbereitschaft hinzukommt, um eine bessere Welt zu schaffen.

Zu den bösen Erblasten des Kommunismus zählt für sie die Tatsache, dass in Osteuropa soziale Werte vielfach verkümmert sind. Darunter leiden die Hilfesysteme. "Unser größtes Problem sind die Straßenkinder", hat sie auf ihren ausgedehnten Reisen festgestellt. "Hier rekrutiert sich der Nachwuchs der kriminellen Banden, die nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch bei uns operieren. Der nächsten Generation sind wir es schuldig, heute etwas zu tun." Das aktuelle Projekt des Vereins: Er will in der Ukraine ein Netz von Kinderhäusern bauen. Den Beginn soll ein Haus in Kiew setzen, in dem sich Straßenkinder zusammen mit arbeitslosen Pädagogen eine bessere Zukunft schaffen können. In kleinen Werkstätten sollen sie Tätigkeiten lernen, mit denen sie später ihren Lebensunterhalt verdienen können. "Nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt die Initiatorin. Aber ohne Tropfen gibt es kein Meer. Im Grunde will sie mit dem Verein, zu dessen 14 Mitgliedern Janusz Reiter, Horst Teltschik, und Edzard Reuter zählen, eine europäische Bürgerinitiative schaffen.

Ohne Netz und doppelten Boden

Barbara Monheim identifiziert sich selbst mit zwei europäischen Ländern. Mit Polen, denn dort ist sie in einer stark antikommunistisch geprägten Umgebung aufgewachsen. Das war in Krakau, und sie besitzt noch ein Bild, das an ihre Firmung erinnert, mit einer Widmung des damaligen Bischofs, unterzeichnet Karol Wojtyla. In Warschau hat sie Volkswirtschaft studiert. Früh bekam ihr Sohn Schulprobleme wegen antikommunistischer Äußerungen. 1981 ging die alleinerziehende Mutter mit dem damals 11-Jährigen nach Deutschland. Ohne Netz und doppelten Boden. Sie hatte Glück, fand schnell gute Freunde, wurde Vertriebsassistentin in einem Unternehmen, das sich auf Exporte nach Osteuropa spezialisiert hatte. 1987 heiratete sie, und als ihr Mann seine Aufgaben im familieneigenen Schokoladenunternehmen niederlegte, zogen sie nach Berlin und ließen sich auf Schwanenwerder nieder. Das war im Sommer 1989, drei Monate vor dem Fall der Mauer.

Es ist gar nicht so leicht, ein paar Informationen über ihr persönliches Leben zu bekommen, denn Barbara Monheim redet am liebsten über die Sache, die sie mehr bewegt als alles andere: "Es gibt umheimlich viel zu tun. Deutsche und Polen kennen einander noch nicht gut genug." Wie aber lernt man sich am besten kennen? Indem man gemeinsam etwas tut. Anlässlich des 10. Jahrestages des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages hat sie am heutigen Sonntag ein Konzert auf der Pfaueninsel organisiert, die zum ersten Mal seit über sechzig Jahren für eine kulturelle Veranstaltung freigegeben wurde, mit Musikern der Deutschen Oper und des Deutschen Symphonieorchesters, mit Christian Thielemann und dem russischen Pianisten Arcadi Volodos. Der polnische Premierminister Jerzy Buzek hat zugesagt, György Konrad kommt eigens für diesen Anlass aus Budapest. Einige große Unternehmen und Banken haben Tische gekauft, und von dem Erlös soll das Hoffnungshaus für die Straßenkinder in der Ukraine angeschoben werden. Die Bundeswehr hilft beim Kochen und bei der Logistik, auch polnische Soldaten machen mit. Der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe ließ sich begeistern, der Vorstandsvorsitzende von debis, Klaus Mangold, und über das Engagement des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, Wolfgang Ischinger, gerät sie ebenfalls ins Schwärmen.

Menschen zu motivieren, das ist ihr großes Talent, trotzdem freut sie sich wie ein Kind über jeden Motivationserfolg. Das Rahmenprogramm zum Konzert findet in ihrem eigenen Garten statt, der nicht zum ersten Mal für einen guten Zweck gebraucht wird. Als 1997 die Hochwasserkastrophe war, lud der Verein 100 polnische Kinder zur Erholung ein. Dreißig davon brachte sie in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft unter, verpflegte sie, machte Sportspiele mit ihnen, organisierte Ausflüge ins Theater und ins Rote Rathaus.

Begonnen hat der Verein seine Arbeit 1995 ursprünglich mit Seminaren für junge osteuropäische Journalisten. Bei ihren Reisen zur Auswahl der Journalisten stieß Barbara Monheim auf das Straßenkinderproblem. Auch ihr Mann unterstützt das Projekt, vor allem mit "Großzügigkeit und Gelassenheit". Er ist ein begeisterter Segler, der 1973 zu dem ersten Team gehörte, das England beim Admirals Cup schlug, und muss sich die Zeit seiner Frau nun mit deren Einsatz für die osteuropäischen Kinder teilen. "Ich finde es toll, dass dein Mann das erlaubt", diesen Spruch hört sie gelegentlich von anderen Frauen, mag ihn aber gar nicht. In Polen wäre er so auch undenkbar. "Es ist hier noch nicht so selbstverständlich, dass eine Frau ein Mensch ist mit Eigenständigkeit und mit Träumen", sagt sie. Insofern ist sie vielleicht ihrer Zeit voraus, gibt ein neues Rollenmodell der Charity Lady. In der Laudatio zur Verleihung eines hohen polnischen Ordens wird sie mit einer Partisanin verglichen, weil sie außerhalb der offiziellen Verbände für die gute Sache kämpft.

In diesen Tagen kämpft sie allerdings in erster Linie gegen die fliehende Zeit. Am 10. Mai erst hat sie begonnen, das Konzert zu organisieren, und die Anstrengung hat ihr in den letzten fünf Wochen den Schlaf und etliche Kilo Gewicht geraubt. Das trägt sie bei allem Lampenfieber mit Heiterkeit. "Ich bin eine Polin", sagt sie. "Was mich am Leben erhält, ist Gottvertrauen."

Wichtig ist ihr, dass ein guter Kreis sich schließt. "Mir selber ist geholfen worden, also will ich auch anderen helfen." Sie tut auch außerhalb des Vereins viel, um Polen und Deutsche füreinander zu begeistern. Zahlreiche prominente Politiker und Meinungsführer aus ihrem großen Freundeskreis, darunter Richard von Weizsäcker, nahm sie mit auf ihre Reisen nach Polen und zeigte ihnen ein anderes Land jenseits der Klischees. "Sie sind eigentlich alle polonophil geworden", resümiert sie fröhlich. In den Jahren nach ihrer Ausreise durfte sie das Heimatland nicht besuchen. Die Tatsache, dass Berlin die Drehscheibe nach Osteuropa wurde, hat für sie seit dem Fall des Eisernen Vorhangs eine Verpflichtung bedeutet, die sie überaus ernst nimmt.

Den Sinn für soziales Engagement hat sie von der Großmutter geerbt, die sich auch schon für benachteiligte Kinder einsetzte. Die Eltern gaben ihr gute Ratschläge mit auf den wagnisreichen Weg in ein damals unbekanntes Land.

"Was immer du tust", sagte der Vater. "Du musst dich dafür nicht schämen, es sei denn du tust etwas Schlechtes." Die Mutter sagte: "Du brauchst gute Schuhe, eine gute Tasche und eine gute Frisur. Was für ein Kleid du dann trägst, ist nicht wichtig." Den Ratschlag hat sie sich zu Herzen genommen. Die fliegenden Haare, die dem braunen Pferdeschwanz entflohen sind, wirken wie Zeugnisse der Glaubwürdigkeit. Die gute Sache steht bei Barbara Monheim eindeutig im Vordergrund.

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