Berlin : Benehmen: ungenügend

Viele Schüler haben keine höflichen Umgangsformen. Soll es in den Schulen ein eigenes Unterrichtsfach geben? / Pro & Contra

Annette Kögel

Anklopfen, bevor man ins Sekretariat tritt. Drinnen die Basecap-Mütze abnehmen. Nicht „Ich brauch’ Kreide“ sagen, sondern: „Könnte ich bitte etwas Kreide haben?“ Dann sich dafür bedanken – und beim Gehen freundlich verabschieden: Solche höflichen Umgangsformen sind für Berliner Schüler anscheinend nicht immer selbstverständlich. Nach dem Start des neuen Ausbildungsjahrs mehren sich die Klagen von Lehrbetrieben über mangelnde soziale Fähigkeiten der Schulabgänger. Deswegen gibt es auch in Berlin Diskussionen um ein eigenes Fach „Benehmen“, wie es jetzt in Bremen eingerichtet wurde.

Die Rufe nach mehr Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit und Höflichkeit sind nicht neu – doch diese Tugenden spielen im Arbeitsleben eine immer größere Rolle. In vielen Branchen werde mehr Wert auf Service gelegt, sagt IHK-Präsident Werner Gegenbauer. Dass fachliche Qualifikation bei der Bewerbung allein nicht ausreicht, sondern auch menschliche Fähigkeiten gefragt sind, zeigt eine Studie der IHK: Die Umfrage unter 540 Ausbildungsbetrieben ergab, dass „soziale und persönliche Kompetenzen bei der Auswahl von Lehrstellenbewerbern einen großen Stellenwert besitzen“, sagt die IHK-Bereichsleiterin für Berufsausbildung und Bildungspolitik, Sybille von Obernitz.

Damit die Schüler dazulernen, unterrichtet der Bremer Schulleiter Karl Witte jetzt einmal die Woche „Umgang, Benehmen, Verhalten (UVB)“. Da sollen Schüler soziales Lernen pauken „wie Vokabeln“: Grüßen, Sauberkeit auf dem Hof, Umgang mit Außenseitern. In Saarbrücken hat CDU-Bildungsminister Jürgen Schreier verordnet, dass bestimmte „Benimmbausteine in den Unterricht integriert“ werden. Die Mehrheit der Bundesbürger würde ein Schulfach „Benehmen“ begrüßen, hat eine Infratest-dimap-Umfrage ergeben.

Aber Berlins Bildungssenator Klaus Böger hält von dieser Idee nichts: „Wertevermittlung gehört zum generellen Erziehungsauftrag in der Schule.“ Wie man sich in heterogenen Gruppen durchsetzt oder eigene Niederlagen verkraftet – so etwas müsse in jedem Fach behandelt werden, sagt der Schulsenator. Auch eine seiner Vorgängerinnen, die Grünen-Schulfachfrau Sybille Volkholz, lehnt ein Fach „Benehmen“ für Berlin ab: „Man kann nicht für jede Kompetenz, die Schule noch besser vermitteln müsste – ob Recht, Gesundheit, Ökologie oder eben Sozialverhalten – gleich ein neues Unterrichtsfach schaffen.“ In Berlin gibt es bereits jetzt Schulen, an denen Schüler, Lehrer und Eltern Verträge über ein soziales Miteinander abgeschlossen haben, sagt Böger-Sprecher Thomas John. Übereinkünfte, die etwa an der Tempelhofer Werner-Stephan-Hauptschule regeln, dass man im Unterricht nicht Kaugummi kaut und auf dem Pausenhof nicht spuckt, verleihen dem eigenen Verhalten ein anderes Gewicht, meint John.

Die Neuköllner Heinrich-Heine-Hauptschule hat etwas anderes ausprobiert. Vier Jahre lang verteilten Lehrer für alle 360 Schüler in einem umstrittenen Modellversuch so genannte Kopfnoten in sieben Kategorien. Nach der Projektphase war Schluss. „Unsere Schüler haben nicht eher eine Stelle gefunden – und nicht ein Mitarbeiter aus dem Personalbüro einer Firma hat uns je auf den zusätzlichen Zeugnisbogen mit Noten für Sauberkeit oder Zuverlässigkeit angesprochen“, sagt Schulleiter Andreas Schulz.

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