Berlin : Benno Biebel (Geb. 1911)

Er schmuggelte Brot, Pullover, Medikamente ins „Russenlager“.

Tatjana Wulfert

Benno Biebel hat Buchenwald überlebt.

Mietskasernen, Hunger, die Mutter Fabrikarbeiterin, der Vater 1916 bei Verdun gefallen, Schule bis zur 8. Klasse, eine Klempnerlehre in Siemensstadt, Entlassung, Arbeit in der Fabrik. Hedwig, die Mutter, zeigt Benno, dass man dieses Leben, das keines ist, nicht zwangsläufig ertragen muss, nimmt ihn schon als Kind mit auf Demonstrationen und Versammlungen. Benno tritt dem kommunistischen Jugendverband bei, sammelt bei Bauern Kartoffeln und Gemüse für Streikküchen, hält als Wanderreferent Reden in Dorfgaststuben. Er sieht die Nazis auf der Straße pöbeln und schlagen, wird selbst überfallen und verletzt, geht 1933 in die Illegalität. Er bohrt ein Loch in eine Dose, verschließt es mit einem Nagel, füllt die Dose mit Wasser und stellt sie auf das Ende eines Brettes, das aus einem Fenster des Warenhauses Tietz in der Chausseestraße ragt. Aufs andere Ende des Brettes legt er einen Stapel Flugblätter, zieht den Nagel aus dem Loch, verschwindet. Das Wasser fließt langsam aus der Dose, das Brett kippt, die Flugblätter flattern in den Lichthof des Kaufhauses, Hunderten von Käufern entgegen.

1934 findet die Polizei den Täter, Benno wird verurteilt. Nach dreieinhalb Jahren tritt er aus dem Tor des Zuchthauses, stellt sich das glückliche Gesicht seiner Mutter vor, sieht dann, an ein Auto gelehnt, den Gestapomann. Der nimmt ihn in Haft, „Schutzhaft“. Am 24. März 1938 verschleppt man ihn in das Konzentrationslager Buchenwald.

Benno heißt jetzt 2790, kommt in den Isolierblock, wird desinfiziert, entlaust, kahl geschoren. Im Dauerlauf treibt man ihn in einen Steinbruch. Ein Aufseher langweilt sich, zeichnet auf den Boden eine Linie. Kein Häftling darf sie übertreten. Der SS-Mann lächelt, wirft eine Münze über die Markierung, fordert einen Häftling auf, das Geldstück zu holen, schießt. Für jeden Toten gibt es eine Belohnung.

Benno trifft Berliner Kommunisten wieder, schließt sich der illegalen Häftlingsorganisation an. Sie helfen ihm, er muss nicht mehr in den Steinbruch, kann als Installateur arbeiten.

Im Herbst 1941 werden 2000 sowjetische Gefangene nach Buchenwald gebracht. Ihre Lebensbedingungen sind noch katastrophaler als die der übrigen Häftlinge. Benno ist Handwerker, darf das „Russenlager“, das eigentlich gesperrt ist, betreten. Er schmuggelt Brot, Pullover, Medikamente hinein, installiert heimlich einen Elektroboiler und ein Waschbecken. Benno ist auch für Fahrzeuge der SS zuständig, bringt Schriftstücke zu Reparaturwerkstätten. Er läuft mit einem bewaffneten Aufseher durch Weimar, entdeckt im Schaufenster einer Papierhandlung ein Lehrbuch: „30 Stunden Russisch für Anfänger“. Der Aufseher zuckt mit den Schultern, Benno rennt in den Laden und kauft das Buch. Im Lager beginnen die Häftlinge, die Sprache zu lernen, führen erste kleine Gespräche mit den russischen Soldaten.

Die Verständigung ist eine Voraussetzung für die Selbstbefreiung der Häftlinge von Buchenwald im April 1945. Eine weitere: die Arbeit des illegalen Internationalen Lagerkomitees. Und: das Heranrücken der US-Armee. Am 19. April schwört Benno auf dem Appellplatz des Lagers: „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Im Juni 1945 kommt Benno an in Berlin, geht erst zu seiner Mutter, dann zu den Genossen von der KPD. Er übernimmt Parteifunktionen, arbeitet im Dietz Verlag, lehrt an der Humboldt-Universität die Geschichte der Arbeiterbewegung. Erzählt den Jungen von Buchenwald. Sitzt am 9. November 1989 vor dem Fernseher und starrt auf die lachenden, winkenden, weinenden Menschen. Erzählt weiter von Buchenwald. Schreibt: „Alles das, was ich bisher im Leben tat, habe ich betrachtet als etwas Notwendiges, was gemacht werden muss.“ Und: „Ich habe mich nie als Held verstanden.“ Tatjana Wulfert

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