Berlin : Benzinpreiserhöhung treibt Fahrer nach Polen - Spareffekt: 50 Pfennig pro Liter

Claus-Dieter Steyer

Bei solchen Benzinpreisen lacht das Autofahrerherz: Der Liter Super bleifrei kostet 1,44 Mark, Super plus 1,46 Mark und der Liter Diesel sogar nichtmal eine Mark. Das sind jeweils rund 50 Pfennige weniger als nach der Öko-Steuerreform seit Jahresanfang üblich. Allerdings stehen die Zapfsäulen mit dem billigen Sprit gut 100 Kilometer vom Berliner Zentrum entfernt. 99 Kilometer sind es bis nach Frankfurt (Oder) und von dort noch ein Kilometer über die Grenze ins polnische Slubice.

Die dortigen Tankstellenbetreiber und Mineralölfirmen reiben sich über die Preisspirale im Nachbarland die Hände. Denn trotz einer auch in Polen am 1. Januar in Kraft getretenen Benzinpreiserhöhung können deutsche Autofahrer hier ein echtes Schnäppchen machen. Wer östlich der Oder beispielsweise 60 Liter tankt, spart immerhin 30 Mark. Damit sich der Weg auch lohnt, werden bei so einem Trip meist noch alle verfügbaren Benzinkanister mit dem polnischen Sprit gefüllt. Mit so einer Ladung lassen sich wahrscheinlich auch die Wartezeiten am Grenzübergang leichter ertragen. Eine Stunde ist die Regel, doch es kann auch sehr viel schneller und viel langsamer gehen.

An den ersten Tagen des neuen Jahres kann von einem regelrechten Ansturm auf die Slubicer Tankstellen noch nicht gesprochen werden, wie Nachfragen ergaben. Die meisten Autos seien noch vollgetankt, hieß es beispielsweise an der Station des polnischen Erdölkonzerns an der Straße des 1. Mai. Vor Silvester habe hier Hochbetrieb geherrscht, denn vor allem Ostbrandenburger hätten so der Benzinpreiserhöhung in Polen ein Schnippchen geschlagen. Wie stark sich die Zahlen auch dort veränderten, zeigt ein Blick in den Dezember 1998. Damals kostete ein Liter Eurosuper umgerechnet noch 90 Pfennige. Doch längst hat auch der polnische Staat die Tankstellen als Einnahmequelle entdeckt. Die Preisunterschiede zwischen Deutschland und Polen werden mit Sicherheit auch nach dem für 2003 avisierten EU-Beitritt des Nachbarlandes bestehen bleiben. Davon ist auch der Aral-Konzern überzeugt, der gerade in Slubice eine Großtankstelle errichtet. Von dort sind es dann nur rund 200 Meter bis zum Grenzübergang. Gegen den Bau hatten zwar einheimische Unternehmer protestiert, doch die Stadtverwaltung begründete ihre Baugenehmigung mit den zu erwartenden Einnahmen. Allein die Immbiliensteuer soll jährlich rund 250 000 Mark ins Stadtsäckel bringen.

Markentankstellen werden von den deutschen Autofahrern offensichtlich bevorzugt, wie der Andrang gestern in Slubice zeigte. Während bei der Station des polnischen Erdölkonzerns kaum Betrieb herrschte, ging es an der Jet-Tankstelle lebhaft zu. Vielleicht lag es auch nur an der Nähe zum Billigbasar. Dort kann das Tanken mit dem Kauf preiswerter Zigaretten verbunden werden.

"Das Gerede um angeblich gepanschten polnischen Sprit ist quatsch", sagte ein Autofahrer mit dem Kennzeichen LOS für den Landkreis Oder-Spree. "Ich tanke seit 1990 in Polen und habe keine Probleme." Dennoch gab es Meldungen über Qualitätsmängel. Ein Mann aus Frankfurt, wo der Sprit gegenüber Berlin immerhin etwa zwei Pfennige weniger kostet, nannte sein Patentrezept: "Zehnmal in Polen tanken, einmal in Deutschland." Dann laufe der Motor wie geschmiert.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar