Berlin : Beobachtungen am Horizont

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FRAU HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN (4)

Öffne ich die Wohnungstür, sitzt sie in respektvoller Entfernung aufrecht und mustert mich wachsam. Rechnet sie damit, dass ich einen Hund mitbringe? Oder die russische Dame, die ihr das Leben mittels Staubsauger, Feudel und Wedel zur Hölle macht?

Heute schleppe ich zwei schwere Tüten mit allem, was Frau Hoffmann braucht, vom Kitekat bis zum Katzenstreu.

„Kitekat? Bist du verrückt? Hast du nicht mitgekriegt, dass da Gift drin ist?"

„Wird wohl nicht so schlimm sein; du lebst ja noch."

„Ich will nicht in eure Lebensmittelskandale verwickelt sein!"

„Bist du auch nicht. Es sind wieder mal die Bauern, die Metzger und schlafende Kontrolleure."

„Die können doch nicht alle schlafen!"

„Sag das nicht. Manche verdienen ihr Geld im Schlaf."

„Schläfst du deshalb immer so lange?"

„Wie kann ich schlafen, wenn du mir auf dem Kopf herumhopst?"

Sie denkt eine Weile nach.

„Warum wollen sie mich denn vergiften, die Bauern, Metzger und Kontrolleure?"

„Weil sie damit Geld verdienen. Wie sie Geld verdient haben, als sie den Rindern Tiermehl ins Futter gestreut haben. Damit wollten sie ihre eigenen Familien ausrotten, was eine christliche Tradition ist. Darauf folgten die Dopingfälle in den Schweineställen. Es gibt keine Schweinerei, an der nicht irgend- jemand ein Schweinegeld verdient."

Frau Hoffmann sieht mich misstrauisch an.

„Und wer hat daran verdient, als du den Maulwurf vergiften wolltest?" Diese Katze bringt mich noch bei den Tierschützern in Verschiss.

„Und was hast du den ganzen Morgen gemacht?", wechsle ich das Thema.

Sie geht mit steifen Schritten zum Fensterkasten. „Was kann man hier schon machen. Horizontbeobachtung."

Seit Sloterdijk diesen transzendenten Begriff im Fernsehen benutzt hat, hält sie sich für eine Horizontbeobachterin der ersten Stunde. Katzen haben einen Sinn dafür. Obwohl hier der Horizont bei den Plattenbauten verläuft, die den Platz der früheren Reichskanzlei einnehmen. Viel zu beobachten gibt es da nicht.

„Die Kinder sind heute nicht da, die sonst auf der blauen Fläche Fußball spielen."

Unter der blauen Fläche war früher der Führerbunker, lese ich in einem dicken Buch über die „Wilhelmstraße" (Laurenz Demps, Ch. Links Verlag, Berlin). Sie ist der einzige Farbfleck in dieser preußischgrauen Umgebung. Wenn man von den gelben Baukränen absieht und dem Grün der Polizei. Die ist von Kopf bis Fuß in Laubfroschgrün gekleidet, sitzt auf laubfroschgrünen Motorrädern oder in Autos derselben Farbe. Wenn jemand von Berlin als der grünen Stadt schwärmt, meint er nicht die Bäume, sondern die allgegenwärtige Polizei. „Lao Tse", sagt Frau Hoffmann nur, als ich ihr von der Polizei erzähle. Und setzt erklärend hinzu: „Wer sich grün macht, den fressen die Gänse."

Ihr chinesischer Zitatenschatz erinnert mich an ein Mitbringsel für die Heimatvertriebene. Es ist eine 10 Zentimeter dicke, runde Strohmatte, groß wie ein Kanaldeckel. „Bitte schön", sage ich, „die ist für dich". Misstrauisch mustert sie das Meisterwerk asiatischen Handwerks und dreht ihm den Rücken zu. Sie wird sich dran gewöhnen, hoffe ich. Hier in Berlin muss man sich immerzu an etwas gewöhnen. Darin liegt der Charme der Stadt.

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