BER-Debakel : Klaus Wowereit: Der hat Nerven
19.08.2012 00:00 UhrKlaus Wowereit hat natürlich vorher gewusst, dass das passieren würde. Er sitzt eingerahmt von Oberschülern in einem Raum im Besucherzentrum an der Bernauer Straße, Berlin-Mitte, ehemaliges Mauergebiet, ein Raum bis unter die Decke voll mit Freiheit, und soll nun über seine eigene reden. Die Schüler wollen das, denn sie sind mit dem Regierenden Bürgermeister zum Gedenken an den Mauertoten Peter Fechter hierhergekommen. Wowereit und die Freiheit. Ausgerechnet jetzt.
Es ist Freitag, der 17. August, der Tag nach der Sitzung des Aufsichtsrats der Flughafengesellschaft, die fünfte in diesem Jahr.
Sie ist nicht gut ausgegangen. Für das Projekt nicht. Aber auch für ihn, Wowereit selbst, nicht.
Es gibt Gründe zu glauben, er sei im Moment so unfrei wie selten zuvor. Ein Flughafen hat sich an ihn gekettet.
Als Peter Fechter beim Fluchtversuch aus Ost-Berlin angeschossen wurde und im Todesstreifen nahe des Checkpoint Charlie verblutete, war Klaus Wowereit neun Jahre alt. Seine Jugend stand unter dem Eindruck dieses Moments. Das will der Regierende Bürgermeister die Schüler hier spüren lassen. Er nimmt sich Zeit. Es geht darum, was Freiheit wert ist. Er verschränkt die Arme vor der Brust. Noch Fragen?, sagt sein Blick aus verquollenen Augen. Arme schnellen hoch.
Bildergalerie: Draußen BER-Proteste, drinnen feiert Wowi
Wowereits Hoffest 2012(8 Bilder)
Was er machen würde, fragt eine Schülerin, wenn er jetzt nicht Regierender Bürgermeister sein müsste.
Eine harmlose Frage, aber an diesem Tag klingt sie wie eine Rücktrittsforderung. In den hinteren Stuhlreihen flüstert jemand: „Flughafen.“
Der BER, sprich Ber. Problem-BER, Puuh, der BER, Lärmschutzärger, Entrauchungsärger, Personalärger, Zuständigkeitsärger, der Flughafen, der nicht fertig wird. Die Aufsichtsratssitzung vom Donnerstag ergab keinen neuen Eröffnungstermin, obwohl kaum dementiert wird, dass der derzeit avisierte – der dritte – am 17. März nicht zu halten ist. Berlin muss etwa eine halbe Milliarde Euro mehr für den Flughafen bezahlen.
Der Blick des Regierenden wandert über die Schülergruppe. Dann sagt er, ohne konkret zu werden, da gebe es vieles, was er lieber täte.
Wowereit vertritt nur einen von drei Eignern der Flughafengesellschaft: das Land Berlin. Matthias Platzeck sitzt für Brandenburg im selben Aufsichtsrat, dritter Eigner ist der Bund, vertreten durch das Verkehrsministerium. In der Krise angestarrt wird aber vor allem Wowereit, der Aufsichtsratsvorsitzende und der Mann, der im offenen Hemd von der Krisensitzung berichtet, als wolle er gleich ins Wochenende. Das kommt nicht gut an bei den Bürgern, deren Steuergeld da draußen in Schönefeld verbuddelt wird. Man gibt ihm die Schuld. Noch nie stand er in der öffentlichen Wahrnehmung so schlecht da wie in dieser Krise.
Diese Rolle als Buhmann der Nation ist neu und ungewohnt für Wowereit. Und sie hat offenbar jene Eigenschaften an ihm verstärkt, die ihn seit eh und je begleiten: Misstrauen und Vorsicht. Er gibt nur noch das Nötigste an Informationen preis. Ein verbindlicher Eröffnungstermin? Eine belastbare Kostenschätzung? Sollen sich doch die anderen den Mund verbrennen. Die Brandenburger oder die Vertreter des Bundes. Er nicht.
Video: Vier Wochen für einen neuen BER-Eröffnungstermin
BER: Vier Wochen für neuen Eröffnungstermin



























