Beratungsstelle : ''Die Jungen schämen sich und wollen nicht als schwul gelten''

Sie beraten Jungen, die Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Warum wollen Sie anonym bleiben?

Sonst werden unsere Namen in den Foren der Pädosexuellen diskutiert. Wir wissen, dass diese Leute versuchen, sich private Informationen über uns zu beschaffen.

Wieso gelangen Jungen überhaupt an solche Männer?

Aus einer Studie wissen wir, dass bei den Opfern häufig die Beziehung zum eigenen Vater emotional gestört ist. Viele suchen sich einen „Vaterersatz“.

Und das spüren die Täter?

Ja, es gibt ein Sender-Empfänger-System. Die Täter fangen ganz harmlos an und testen die potenziellen Opfer aus. Einige sind anfällig für Action, andere für Zuneigung. Sie loben die Jungen und kümmern sich um sie.

Im aktuellen Fall hat sich einer der Tatverdächtigen als Werbefotograf ausgegeben.

Ja, häufig versprechen die Täter den Jungen Modelverträge und Geld.

Wieso erzählen die Opfer ihren Eltern nichts, sobald ihnen klar wird, dass es um mehr als um Modelfotos geht?

Für Jungen in dem Alter ist nichts schlimmer, als als „Schwuchtel“ oder schwul zu gelten. Sie schämen sich. Ihre Eltern sollen auf keinen Fall etwas erfahren.

Und das nutzen die Täter aus?

Ja, sobald ein Opfer sich widersetzt, wandeln sich die Männer von lieb in böse. Sie drohen zum Beispiel, alles den Eltern zu erzählen. Oder sie erinnern die Jungen daran, dass diese Geld erhalten haben und wegen Schwarzarbeit im Knast landen könnten. Deshalb ist es häufig so schwierig, diese Taten aufzudecken.

Jetzt sind mehr als 50 Delikte bekannt geworden. Was raten Sie den Opfern jetzt?

Wie bieten eine umfassende Beratung an. Doch nicht jeder Junge, der sexuelle Gewalt erfahren hat, trägt einen Schaden davon. Das ist unterschiedlich. Bei einigen könnte ein posttraumatisches Belastungssyndrom auftreten. Das zeigt sich etwa in Schlafstörungen, Aggressivität oder Alpträumen. Hier wäre eine Therapie sinnvoll. Beraten sollten die Opfer auf jeden Fall werden.

Gilt Berlin als Zentrum für solche Täter?

Ich denke schon. Hier fühlen sich die Männer anonym und glauben, ungestört handeln zu können. Die Chance, dass es niemandem auffällt, ist groß.

Die Beratungsstelle „Berliner Jungs“ (Tel.: 23 63 39 83) betreut Jungen, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Mit dem Mitarbeiter, der anonym bleiben will, sprach Tanja Buntrock.

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