Berlin : Beredte Brache

Nach der Trennung von Architekt Zumthor beginnt die Debatte um einen Neubau auf dem Topographie-Gelände – Pro & Contra

Sabine Beikler

Vor elf Jahren wurde laut gefeiert: Damals gewann der Schweizer Architekt Peter Zumthor den Wettbewerb für das Dokumentationszentrum der „Topographie des Terrors“. Ein künstlerisch ambitioniertes Gebäude sollte den Ausstellungspavillon am Ort des Schreckens ersetzen, dort wo sich zwischen 1933 und 1945 die zentralen Institutionen des NS-Verfolgungsapparates befanden, Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt. Doch statt der komplizierten Zumthorschen Stabwerkskonstruktion stehen elf Jahre später nur drei von Unkraut eingewucherte Treppentürme und ein Besuchercontainer auf dem Gelände an der Niederkirchnerstraße. Sieben Achtel des Geländes sind noch gesperrt: Nur zwei Füchse, so erzählt man sich, frequentieren den authentischen Ort der Täter mit der berüchtigten Adresse Prinz-Albrecht-Straße 8. Seit dieser Woche ist der Architekt Zumthor nun aus dem Rennen. Und erneut stellt sich die Frage: Welche Architektur braucht dieser Ort der Täter – oder braucht er gar keine Architektur?

Stiftungsdirektor Andreas Nachama hätte sich schon vor elf Jahren lieber einen „undekorierten Schuppen“ gewünscht als den Zumthor-Entwurf. Ganz ohne Bau gehe es aber nicht, sagt Nachama. „Dieser Ort ist ein Lernort, keine Gedenkstätte wie das Holocaust-Mahnmal.“ In der Trias Jüdisches Museum, Holocaust-Mahnmal und Topographie habe nur Letztere die „Aura des Ortes“. Doch trotz der einzigartigen Authentizität erschließe sich der Ort nicht von selbst. Die Stiftung fordert deshalb wenigstens ein Funktions-Gebäude mit Seminarraum, Arbeitsräumen für ein kleines Institut, Archiv, Bibliothek und einem Ausstellungsraum. „Wir wollen keinen luxuriös ausgestatteten Operationssaal, sondern ein gut funktionierendes Bettenhaus“, sagt Nachama. Auch die zurzeit zugeschütteten Bodendenkmäler, die Zellenböden der Gestapo und der Küchentrakt, müssten „einhaust“ werden.

Das sieht Jörn-Peter Schmidt-Thomsen, Präsident der Berliner Architektenkammer, nicht anders. „Eine bloße Überdachung ist kein dauerhafter Schutz.“ Schmidt-Thomsen meint, die Erinnerung an einen stabilen, unverrückbaren Ort brauche eine Behausung. „Ein Gebäude hat die Aufgabe, die Geschichte des Geländes fortzuschreiben.“ Architektur werde erst dann glaubwürdig, „wenn sie sich nicht von ihrem Standort loslöst“, sagt der Architekt.

„Der Ort der Täter braucht zwar keine Memorialarchitektur wie den Zumthor-Bau, aber ein NS-Dokumentationszentrum ist unverzichtbar“, sagt Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und Mitglied im Internationalen Beirat der Topographie-Stiftung. Ebenso wie die Topographie seien KZ-Gedenkstätten Lernorte. Allein die Relikte auf dem Topographie-Gelände aber könnten das Ausmaß der von dort ausgehenden Schreckensherrschaft nicht vermitteln. Zentraler Punkt in der Diskussion um die künftige Gestaltung müsse sein, den historischen Ort wieder „zum Sprechen zu bringen“, sagt Morsch.

Vielleicht ist es das, was Christine Fischer-Defoy vom „Verein Aktives Museum“ fordert: „Die offene Wunde, das brachliegende Gelände, muss sichtbar bleiben.“ Doch wie, ob mit Blockrandbebauung, mit dezentralen Gebäuden oder einem einzigen, mit oder ohne minimalistische Architektur: Um jedes Für und Wider zu erörtern, fordert die Stiftung ein Symposium mit Experten. Bei der nächsten Entscheidung, sagt Nachama, wolle man sich nämlich nicht mehr von der Politik „an den Katzentisch“ drängen lassen.

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