Berlin : Berglandschaften an der Flughafenstraße

In unserer treffsicheren Serie landeten wir diesmal abseits der geschäftigen Karl-Marx-Straße in Neukölln

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Karl-Marx-Straße, Hinterausgang. In den Seitenarmen der Einkaufsmeile Neuköllns versiegt der Strom der Konsumenten. Ihre Kaufkraft reicht nicht mal ein paar Schritte weit in die Flughafenstraße. Vom „Hong Kong Restaurant – San On Imbiss“ ist nur noch das schmutzige Eingangsschild übrig. Drinnen reißt ein türkischer Arbeiter den PVC-Belag vom Boden.

Auf der anderen Straßenseite ragt die weiße Fassade vom „Forum Neukölln“ empor. Das Einkaufszentrum schluckt die Kundschaft gleich am U-Bahnhof Rathaus Neukölln von der Karl-Marx-Straße weg und verdaut ihre bezahlbaren Wünsche in den Geschäften der beherbergten Filialketten. Der Weg durch die vollklimatisierte Passage führt vorbei an schrottgepressten Autowracks. Die skurrilen Blechwürfel geben Rätsel auf: „Ich war einmal ein…?“, fragen Aufschriften die Besucher nach den Fahrzeugtypen der Schrottobjekte, bevor die Passage sie am rückwärtigen Ende wieder ausspuckt. Am Ausgang zur Flughafenstraße regelt eine Ampel den Kreuzungsverkehr zwischen Autos, spielenden Kindern und den indisch-türkisch-arabisch-schwarzafrikanischen Fußgängern im Vielvölkerkiez.

Gleich gegenüber, an der Ecke Isarstraße, stehen Stühle, Tische und kistenweise Schallplatten auf dem Gehsteig. Hinter den staubigen Schaufenstern, in denen ausgeleierte Nussknacker ihre Kiefer hängen lassen, sitzt Mohamed El-Khalib am Schreibtisch seines Trödelladens. Der 20-jährige Libanese macht in „Entrümpelung und Wohnungsauflösung“. Vor zwei Monaten hat er sein Geschäft eröffnet. Der 75 Quadratmeter große Laden ist bis an die Decke vollgestopft. Am Eingang steht eine Schmuckvitrine mit Ringen, Ketten, Fingerhüten, Zinnfiguren und einem Eiffelturm. In einer Schale liegen unsortierte Familienfotos neben Ansichtskarten, ein Regal mit Goethes Werken. Es gibt einen alten Spielautomaten und Kugellampen, Nierenschemel und Röhrenradios, Heizlüfter und Kühlschränke, Reisekoffer und Beistelltischchen. Nur ein schmaler Mittelgang ist frei geblieben zwischen der Stapelware. Gerahmte Berglandschaften, Waldidyllen und Blumenbilder bedecken die Wände. Auch ein Kupferstichimitat mit Gedächtniskirche und Europa-Center ist zu haben. „Was kostet, Chef, diese Fernseher?“, fragt ein kleiner runder Mann mit Glatzkopf. Mohamed überlegt: „50 Euro“, sagt er, „mit Fernbedienung.“ Der kleine Runde geht. „Ist schwierig, das Geschäft“, sagt Mohamed El-Khalib an seinem Schreibtisch am Hinterausgang der Karl-Marx-Straße. Stephan Wiehler

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