Berlin : Bericht aus der Hölle

Sie waren in Hiroshima, als die Atombombe explodierte: Zwei Überlebende schildern in Berlin das Grauen

Stefan Jacobs

Sunao Tsuboi versteht selbst nicht, warum er noch lebt. Ein paar Meter weiter verglühten die Menschen, schmolzen Dachziegel, brannten Steine. Tsuboi, 20 Jahre alt und Maschinenbau-Student, wurde von dem Feuerball mitsamt dem Universitätsgebäude weggeblasen an jenem 6. August 1945, als einen Kilometer entfernt die Atombombe über dem Zentrum von Hiroshima explodierte. Als die Feuerwand vorbeiraste, wurde er bewusstlos. Als er zehn Minuten darauf wieder zu sich kam, war es dunkel. Während er sich aus den Trümmern befreite, sah er das rohe Fleisch seiner Arme und die verkohlte Haut, die von seinen Fingern hing.

„Mein erster Gedanke war: Verdammt, jetzt haben die Amis so eine Wahnsinnsbombe auf uns geworfen – das zahle ich ihnen heim!“, sagt Tsuboi. Er sitzt im Haus der Demokratie und Menschenrechte in der Greifswalder Straße, um über das Inferno zu berichten, das jede Vorstellungskraft übersteigt. Seine Bewegungen sind sehr energisch für einen 80-Jährigen mit Krebs, schwachem Herz und miesen Blutwerten. Er hat blasige Lippen und helle Flecken im Gesicht. Die Ränder seiner Ohren sind weggebrannt. Aber sein Blick ist ebenso klar wie sein Verstand.

Als Vorsitzender des Verbandes für Atombombenopfer Hiroshima reist Tsuboi um die Welt, solange er noch kann. Er war bei Sechstklässlern in Großbritannien und bei französischen Gymnasiasten. Er hat mit Jugendlichen in den USA gesprochen und im Februar vor den Vereinten Nationen. Jetzt ist er in Deutschland, um den Menschen zu erzählen, wie es damals war. Sie sollen erfahren, dass Atomwaffen nicht nur ein abstraktes Phänomen sind. Die Menschen in Hiroshima und Nagasaki wüssten das, weil ihre Großeltern ihnen von der Hölle erzählten. „Aber auch in Japan wird das Wissen über den Krieg dünner“, sagt Tsuboi.

Aiko Sasaki saß bisher schweigend neben ihm am Tisch in der kühlen Bibliothek im Souterrain des Hauses. Die 70-Jährige war in der Schule, acht Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, als der Blitz den Himmel über Hiroshima in Brand setzte. „Im ersten Moment dachte ich, eine Bombe hat unsere Schule getroffen. Als wir rausrannten, warf uns die Druckwelle um. Die Schule blieb heil.“

Der Lehrer schickte die Kinder nach Hause. Am Mittag kochte Aiko Sasaki den Gestalten Tee, die sich aus der verglühten Stadt schleppten. Am nächsten Tag ging sie wieder in ihre Schule, die inzwischen zum Lazarett umfunktioniert worden war. Selbst äußerlich kaum verletzte Menschen starben an den Folgen der unsichtbaren Strahlung. Erst legten sie die Leichen einzeln beiseite, dann stapelten sie sie, und als der Platz nicht mehr reichte, karrten sie sie zum Flussufer und verbrannten sie. Aiko Sasaki, damals zehn Jahre alt, half mit. „Die Kategorie ,Kind‘ gab es damals nicht mehr“, sagt sie, die seit jenem August vor 60 Jahren unter Gelbsucht leidet. Sie beklagt sich nicht. Aber als Vorsitzende des Sozialzentrums für Atombombenopfer findet sie, dass die jungen Leute heutzutage den Frieden zu selbstverständlich nähmen.

Sunao Tsuboi fiel eine Woche nach dem Angriff ins Koma. 40 Tage dämmerte er zwischen Leben und Tod. Als er aufwachte, war der Krieg vorbei. Zumindest der offizielle Teil. Tsuboi konnte nach einem Jahr wieder kriechen. Laufen lernte er später. Zwei Drittel seiner Kommilitonen waren tot. Herr Tsuboi, auch Sie werden nicht mehr lange leben, versicherten ihm die Ärzte immer wieder. Einer ließ bereits die verbliebenen Familienmitglieder zum Abschied zusammenrufen. Viele waren nicht mehr da.

„Es ist belastend, allein zu überleben“, sagt Tsuboi. „Man soll ja nicht in der Vergangenheit leben. Aber man soll aus ihr lernen.“ Neben ihm sitzt Aiko Sasaki und schaut durch die Bilder in ihrem Kopf hindurch ins Leere.

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