Berlin : Berlin 2000: Mit Löwen und Elefanten auf den Hund gekommen

Thomas Loy

Das magische Jahr 2000. Was hat es den Menschen gebracht? Und was erst den Tieren? - Zur Einstimmung ein Zitat von Professor Häußermann, Stadtsoziologe an der Humboldt-Universität: "In einer Gesellschaft, in der die Beziehungen zur unmittelbaren Nachbarschaft abnehmen, fühlen sich viele Menschen im Zoo zuhause."

Richtungsweisende Worte. Das Tier als Mensch-Ersatz. Der Tierpark als Hausgemeinschaft. Das Jahr 2000 war in der zoologischen Geschichtsschreibung eine wichtige Wegmarke. Das Tier ist nicht mehr nur Freund und Begleiter des Menschen. Es fordert das Schicksal heraus, verbreitet Freude oder Schrecken und füllt Zeitungsseiten. Kurz: Das Tier ist prominent geworden.

Zum Beispiel Kalle, der tapfere Pudel von Leander Haussmann. Als Kalle im Tagesspiegel die tragischen Ereignisse der Nacht vom 23 auf den 24. Juli ins rechte Licht rückte, horchte die Nation auf. Zwar konnte Kalle nicht verhindern, dass sein ständiger Begleiter von fünf angetrunkenen Jugendlichen brutalstmöglich vermöbelt wurde, aber er setzte ein Fanal für die schweigende Mehrheit der anständigen Hunde Deutschlands, die mit den Pitbulls und Rottweilern nichts zu schaffen haben. Haussmann gab eine Ehrenerklärung für seinen Pudel ab. Seitdem wird Kalle nicht mehr dumm angemacht.

Zur internationalen Berühmtheit reifte Pandabärin Yan Yan. "Die Schöne" war ihrem zugewiesenen Liebespartner Bao Bao eine Nummer zu arrogant. Die Ehe wurde nicht vollzogen, Yan Yan drohte die Abschiebung nach China. Diplomatische Ränkespiele setzten ein, und Zoosenator Peter Strieder musste seine ganze Eloquenz einsetzen, um den chinesischen Tierschutzbehörden die sozialpsychologischen Folgen einer Rückgabe von Yan Yan vor Augen zu führen: Stadtflucht, soziale Isolierung, Alkoholmissbrauch usw.

Man stelle sich vor: Berlin ohne Zoo und Tierpark, ohne Katzen, Hunde, Hamster und Zierfische, ohne Yan Yan und Bao Bao - eine Wüste, ein Urstromtal der Hoffnungslosen. Also Panem et Circenses!

Am 16. Juli durften nach den Kamelen auch die Elefanten zeigen, was sie drauf haben. Zum "Cup des Maharadscha" liefen 15 Zirkuselefanten um die Wette - eine tausend Jahre alte indische Tradition, erläuterte der indischstämmige Bürgermeister von Altlandsberg, Ravindra Gujjula, und löste prompt die zweite tierdiplomatische Affäre des Jahres aus. Das mit der Tradition sei "alles Quatsch", kommentierte Indiens Sozialministerin Maneka Gandhi, intervenierte beim Kollegen Außenminister, und der indische Botschafter musste dem Sonntagsvergnügen fernbleiben. Nina Hagen und Brigitte Bardot fanden das alles ziemlich degoutant, doch die 40 000 Zuschauer sollen sich prächtig amüsiert haben.

Elefanten sind süß, und auch beim Sex klappt es immer besser. Als am 5. April das Elefantenbaby "Kiri" im Zoo geboren wurde - übrigens die erste geglückte Geburt eines indischen Elefanten seit 1938 -, war die Stadt aus dem Häuschen. Drollige 145 Kilo lockten Herden von Familien in den Zoo. Doch eine Tragödie im Stall der Dickhäuter ließ die Freude in Trauer umschlagen. Das neue Familienmitglied starb vor wenigen Tagen - viel zu früh und völlig unerwartet.

Ein bisschen sengende Sonne, Serengeti und Safari braucht der Mensch, deshalb setzt er sich öfters in beengte Flugzeuge oder tagträumt zuhause von alten Daktari-Folgen. In der Gemarkung bei Schenkendorf wollten gleich zwei Zeugen am 23. August ein gefährliches Raubtier gesichtet haben - ein "großes dunkelbraunes Tier, größer als ein Schäferhund". Das klang verdächtig nach Löwe, und so machten sich Polizei und Feuerwehr auf die Pirsch, warnten die Anwohner, schickten eine Wandergruppe ins rettende Gasthaus und sorgten überhaupt für viel Spaß.

Der Löwe blieb verschollen, aber die Einsatzkräfte haben auch so ihre Unerschrockenheit unter Beweis gestellt. Sollten Sie im nächsten Sommer ein Dinosaurier sichten - einfach 112 anrufen. Die zweite Großwildjagd des Jahres ereignete sich in Spandau. Am 9. Oktober trabte ein Damhirsch durch den Ortsteil Wilhelmstadt. Vier Funkwagen der Polizei und eine Zivilstreife verfolgten das Wild bis in den Innenhof eines Bankgebäudes, wo es von der Polizei und Revierförster Küster umzingelt und mittels einer Betäubungsspritze außer Gefecht gesetzt wurde.

Aufregung verursachte auch ein Lama, das aus einem Zirkus ausgebüxt war. Von Eigentümern und Touristen verfolgt, trabte der südamerikanische Kamelverwandte durch die Berliner Mitte und wurde am Kanzleramt gestellt.

Wir nähern uns der Nachtseite des tierischen Jahres 2000, dem Kampfhund. Seit dem 6. Juli dürfen Rassen wie Pitbull, American Staffordshireterrier und Bullterrier nicht mehr ohne Maulkorb und Leine herumlaufen. Ihre Halter müssen eine Art Führerscheinprüfung machen. Die Hundelobby ging auf die Barrikaden - einige Demonstranten schreckten nicht davor zurück, ihren Kampfmaschinen Davidsterne umzuhängen. In der ersten Woche nach Inkrafttreten der neuen Verordnung wurden knapp tausend bisher "schwarz" gehaltene Kampfhunde angemeldet. Doch als das Thema vom Rinderwahnsinn überschattet wurde, verschwanden Pläne wie der Leinenzwang für alle oder die Haftpflichtversicherung in der politischen Asservatenkammer. Man wolle sich "viel Zeit lassen" mit der weiteren Diskussion, erklärte CDU-Politiker Roland Gewalt Ende November. Im Nebelmonat wurde auch bekannt, dass Manfred Rasch, dem zwei Kampfhunde 1997 das Gesicht zerbissen hatten, verstorben war. Sein Tod stehe in keinem Zusammenhang mit den Verletzungen, erklärte die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder). Eine rein juristische Bewertung.

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