Berlin 2008 : Wowereit kocht, Mehdorn hebt ab, Al Gore spendiert Eis

2007 war schlimm genug, doch es kommt noch dicker. Bernd Matthies wagt einen Rückblick auf das Jahr 2008.

Januar.

In der Umweltzone halten Polizisten einen überladenen Reisebus an, der schwarze Rauchwolken ausstößt und in Schlangenlinien fährt. Wie sich herausstellt, ist das Lenkrad mit den Vorderrädern über zwei ausgefranste Seile verbunden, die Bremsbeläge sind bis aufs Metall abgefahren. Dennoch darf der Bus mit unbekanntem Ziel weiterfahren. „Während der Kontrolle kam ein Anruf vom Bundeskanzleramt“ heißt es in einer anonymen E-Mail an die Presse. Recherchen ergeben: Der Bus transportierte 75 tschetschenische Lokführer, die von der Bahn mit Billigung des Kanzleramtes als Streikreserve eingesetzt werden sollen.

Februar. GDL-Chef Schell erklärt die Verhandlungen mit der Bahn für endgültig beendet. Die Streikkasse sei nach wie vor prall gefüllt, teilt er mit, und reist zu einer Franz-Xaver-Mayr-Kur nach Bad Griesbach. Die S-Bahn in Berlin stellt den Betrieb ein. Bahnchef Mehdorn wird bester Laune im „Borchardt“ gesehen, an seinem Tisch der US-Filmregisseur David Lynch, der als Botschafter der „Transzendentalen Meditation“ bekannt ist.



März.
Am Hauptbahnhof verursacht ein Bahnunfall riesigen Sachschaden: Der mit einwöchiger Verspätung eintreffende Regionalexpress aus Jüterbog kommt vom Gleis ab und wird erst vor dem Bahnhof durch die Skulptur „Rolling Horse“ zum Stillstand gebracht. Der Lokführer gibt einen Fehler zu: Er sei aus seiner Ausbildung in Tschetschenien gewohnt, Gleise nur im Ausnahmefall zu nutzen, und auf seinem Streckenplan von 1943 habe er den Hauptbahnhof nicht finden können.

April. Bahnchef Mehdorn und David Lynch besichtigen auf dem Teufelsberg den Rohbau der Universität für Transzendentale Meditation. Mehdorn erklärt Journalisten, er unterstütze das Projekt. Wenn es gelinge, die Züge zum Yogischen Fliegen zu bringen, seien die Lokführer tarifrechtlich als Piloten zu behandeln, „und dieser Schell kann dann in Bad Griesbach kuren, bis er schwarz wird“.

Mai. Ein Verlag kündigt als Knüller des Buchherbstes Wowereits Kochbuch „Und das schmeckt auch gut so“ an, das er zusammen mit Alfred Biolek schreibt.

Juni. Der Flughafen Tempelhof wird geschlossen. Umweltminister Sigmar Gabriel kündigt an, dass das Gelände unter dem Namen „Topografie des Horrors“ zu einer Dokumentation über den Kampf der Bundesregierung gegen den Klimawandel umgestaltet werde. Da man derzeit noch nach einschlägigen Exponaten suche, werde als Zwischennutzung der „größte Streichelzoo der Welt“ eingerichtet. In seiner Eigenschaft als Patenonkel des Kult-Bären Knut will Gabriel das Luftbrückendenkmal durch eine gleich hohe Edelstahl-Skulptur mit dem Titel „Rocking Knut“ ersetzen.

Juli. Gazprom, Sitz Moskau, bietet zehn Milliarden Euro für die Deutsche Bahn und teilt mit, dass man die Summe andernfalls in die Streikkasse der Lokführergewerkschaft einzahlen werde. Staatspräsident Medwedjew bestätigt, dass Ministerpräsident Putin sich schon immer eine deutsche Modelleisenbahn gewünscht habe, und zwar im Maßstab 1:1. Während deutsche Medien von Erpressung sprechen, rät Altkanzler Gerhard Schröder zur Mäßigung. Sein Freund Wladimir Putin sei im Herzen ein „lupenreiner Technokrat“, und er werde die Deutsche Bahn zu neuer Blüte führen. Bahnchef Mehdorn teilt mit, angesichts dieser Nachricht könne er nur „an die Decke gehen, und zwar ohne Meditation“.

August. Finanzsenator Sarrazin lässt in Moskau anfragen, ob Gazprom auch an der Berliner U-Bahn interessiert sei, „die können Sie geschenkt haben“. Moskau zeigt sich interessiert, möchte die Züge allerdings auf Erdgasbetrieb umrüsten. Sarrazin: „Gern, wenn die Tanks durch die Tunnel passen“.

September. Beim Internet-Buchhändler Amazon explodieren die Vorbestellungszahlen für Wowereits Kochbuch. Sigmar Gabriel kündigt an, dass er sich zusammen mit Tim Mälzer ebenfalls an einem kulinarischen Werk versuchen werde. Titel: „Und das schmeckt auch Knut so“. Das ehemalige Rollfeld in Tempelhof wird noch ein letztes Mal zu seinem eigentlichen Zweck benutzt: Al Gore trifft mit seinem Privatjet ein und enthüllt einen riesigen Würfel aus Polareis, dessen Schmelzen symbolisch die Klimakatastrophe darstellen soll.

Oktober. Die tschetschenischen Lokführer sind verschwunden. Hartmut Mehdorn tritt zurück und reist zu einer Franz-Xaver-Mayr-Kur nach Bad Griesbach. Der unbekannte neue Bahnchef („Was wollen Namen wissen?“) bietet der GDL einen Tarifvertrag, der 31 Prozent weniger Gehalt bei Einführung der 66-Stunden-Woche vorsieht. Die GDL akzeptiert; die Alternative wären Arbeitsplätze in Sibirien gewesen.

November. Der Al-Gore-Eiswürfel liegt wegen des ungewöhnlich kalten Herbstes noch immer unversehrt in Tempelhof. Während die S-Bahnen wieder fahren, gibt es Probleme im U-Bahn-Verkehr: Gazprom hat rund 100 aus zwei Waggons bestehende Viertelzüge nach Moskau abtransportiert.

Dezember. Das nächste Kochbuch von Klaus Wowereit soll den Titel „Und das schmeckt auch Putin so“ tragen. Bundespräsident Köhler drückt in seiner Weihnachtsansprache die Furcht vieler Deutscher vor einem Ausverkauf nationaler Interessen aus. Am Silvesterabend erhebt sich der Teufelsberg und fliegt langsam in östliche Richtung davon.

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