Berlin 2030 : „Die Medizin braucht neue Förderer“

Wie sieht die Berliner Medizin im Jahre 2030 aus? Darüber sprach der Tagesspiegel mit Karl Max Einhäupl, dem Vorstandsvorsitzenden der Charité in Berlin.

Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Wie sieht 2030 die Berliner Medizin aus?

Ich gehe davon aus, dass es dann noch die Charité als breit aufgestellte Forschungseinrichtung geben wird. Man muss aber davon ausgehen, dass die Bundesländer zukünftig Schwierigkeiten haben werden, die Hochschulmedizin noch ausreichend zu finanzieren. Die Steuereinnahmen werden langfristig zurückgehen, und dann wird es immer schwerer werden, aus öffentlichen Mitteln die Universitäten zu finanzieren.

Welchen Ausweg sehen Sie?

Wir müssen versuchen, aus anderen Quellen Fördermittel zu gewinnen. Da bieten sich etwa die EU und der Bund an. Auch die Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft muss bei der Finanzierung von Forschungsvorhaben künftig eine viel größere Rolle spielen.

Wie könnte eine Zusammenarbeit mit der Industrie aussehen?

Bislang kooperieren private Unternehmen häufig aus Marketing-Gründen mit Hochschulen, die Wissenschaftler wiederum sehen die Zuwendungen als reines Sponsoring. Hier wird man sich in Zukunft mehr an gemeinsamen Zielen und Interessen orientieren. Eine Möglichkeit sind Einnahmen aus Patenten. In den USA werden zum Beispiel viele Wissenschaftseinrichtungen bereits aus Patentgebühren finanziert. Die Charité steht in Deutschland bei der Zahl der Patente unter den Unikliniken zwar an zweiter Stelle. Aber die Einnahmen sind noch nicht ausreichend.

Wohin geht der medizinische Fortschritt?

Ein großes Thema ist die Entschlüsselung menschlichen Erbguts. Wir verstehen heute die biologischen Zusammenhänge bei der Entstehung von Krankheiten besser. Aber die Erkenntnis franst an den Rändern aus. Mit dem Wissen wächst die Unsicherheit. Stellen Sie sich das Wissen als große Kugel vor, deren Inhalt immer weiter wächst. Damit wächst auch die Oberfläche der Kugel. Die Oberfläche markiert die Grenze, den Übergang vom Forschen zum Wissen. Das heißt, die Zahl der neuen, offenen Fragen ist ungeheuer groß.

Karl Max Einhäupl, 63, gebürtiger Münchner, ist seit September 2008 Vorstandsvorsitzender der Charité in Berlin.

Das Interview führte Hartmut Wewetzer.

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