Berlin 2030 : Jede Menge Arbeit in Berlin

Rund 170.000 zusätzliche Jobs sind laut einer Prognos-Studie in 20 Jahren möglich – wenn die Stadt sich auf ihre neuen Stärken konzentriert. Unsere Zukunftsserie beschäftigt sich mit Berlin im Jahr 2030. Heute: Der Arbeitsmarkt.

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Berlin wird bis an den Rand des Rathaus-Forums verdichtet. Deshalb müsse sich die Stadt den Luxus einer großen, urbanen Fläche gönnen, sagt Lars Krückenberg von der Architektengruppe Graft. Er will das Wasser bis ans "Marienviertel" heranschwappen lassen.
Berlin wird bis an den Rand des Rathaus-Forums verdichtet. Deshalb müsse sich die Stadt den Luxus einer großen, urbanen Fläche...Foto: Graft, Chipperfield und Kiefer

Diese Zahl ist vielleicht die wichtigste in der Prognos-Studie zur Zukunft Berlins: Rund 170.000 neue Arbeitsplätze halten die Autoren für möglich, wenn die Stadt die richtigen wirtschaftlichen Säulen stärkt – nämlich Wissen und Forschung, Dienstleistungen, intelligentes Produzieren und Spitzentechnologie. „Wir haben uns auf wirklich tragfähige Arbeitsplätze fokussiert, die nicht im prekären Bereich liegen“, sagt Studienautor Olaf Arndt.

Als Grundlage einer „Stadt des Wissens“ sieht Prognos eine wirklich herausragende Forschung – und erinnert an den Nobelpreis für Chemie, den Gerhard Ertl vom Fritz-Haber-Institut 2007 erhielt. Mit seiner Grundlagenforschung messe sich dieses Institut an der Weltspitze. Die Hochschulen dagegen müssten sich zwar breiter aufstellen, aber: „Ziel- und Leistungsvereinbarungen sollten stärker als Chance genutzt werden, spezifische Akzente zu setzen“, heißt es. Christoph Lang, Sprecher der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner, sieht die Unis aus einer weiteren Perspektive: „Wir müssen versuchen, den Export von Talenten zu stoppen, also die Absolventen in Berlin halten.“ Eine Möglichkeit seien Unternehmenstouren für Studenten, eine weitere das „Talent Marketing“, das Berlin Partner mit einem neuen Internetportal forciert: Auf www.talents-in-berlin.de werden Jobs angeboten – für Facharbeiter wie Forscher.

Die Zukunft des Flughafen Tegel
Sollte der Flughafen Tegel doch eines Tages geschlossen werden, gibt es heute schon Ideen für die Umgestaltung: Über die Treppe hinab zum Rollfeld. So stellen sich Graft-Architekten die Zukunft des Flughafen Tegel vor.Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Simulation: promo/Graft
15.12.2013 15:21Sollte der Flughafen Tegel doch eines Tages geschlossen werden, gibt es heute schon Ideen für die Umgestaltung: Über die Treppe...

An den von Sparzwängen geprägten Hochschulen rechnen die Prognos-Autoren zwar nicht mit zusätzlichen Jobs, aber an den Schnittstellen von Forschung, deren Anwendung und zugehörigen Dienstleistungen sehen sie ein Potenzial von 10.000 hochqualifizierten Beschäftigten. Weitere mindestens 25.000 Arbeitsplätze ergäben sich allein im produzierenden Bereich auf den Kompetenzfeldern Verkehrssystemtechnik, Energietechnik, Optik und Mikrosystemtechnik sowie Biotechnologie samt Pharmabranche und Medizintechnik. Vor allem in der Gesundheitswirtschaft zählt die Stadt aus Expertensicht zur Weltspitze. Konzerne wie Pfizer seien auch deshalb nach Berlin gekommen, „weil hier die Wissenskette vorhanden ist“: Forschung, Herstellung und schließlich Anwendung in den zahlreichen Kliniken.

Christoph Lang von Berlin Partner sagt, dass die weitaus meisten Jobangebote aus den vom Senat definierten Clustern kommen. Die jungen Branchen berappelten sich schneller nach der Krise und kämen leichter an Kredite und Wagniskapital – „mit entsprechenden Arbeitsplatzeffekten“.

Eine Sonderrolle nimmt die Kultur- und Kreativwirtschaft ein. Die Prognos AG, die die Studie im Auftrag der Berliner Bank erstellte, hält 40.000 zusätzliche Jobs für realistisch. Die mögen weniger berechenbar sein als eine Beamtenlaufbahn, aber darin sieht Studienautor Arndt auch Chancen: Berlin könne Trends in die Welt tragen, weil Moden hier früher aufkämen als anderswo. Was möglich ist, wenn Design clever mit Industrieprodukten kombiniert wird, erklärt Arndt am Beispiel Apple: Die Bestseller iPhone & Co. seien technisch konventionelle, designgeprägte Produkte.

Für bisher ebenso unterschätzt hält Arndt die Kombination aus Industrie und Dienstleistungen. „Während BASF früher eine Tonne Autolack an Mercedes verkauft hat, lackiert BASF jetzt bei Mercedes die Autos.“ Dieses Prinzip sei vielseitig anwendbar – vom Heizungsbauer, der auch die Wartung der Haustechnik anbietet, bis zur Turbine aus dem Berliner Siemens-Werk, die samt Servicevertrag verkauft werden könne. Hier wie da gehe es darum, Produkte zu Geschäftsmodellen zu erweitern. Ein inhaltlich umstrittenes, aber sehr erfolgreiches Beispiel haben die drei Berliner Brüder geliefert, die im Jahr 2000 den Klingeltonanbieter Jamba gründeten und vier Jahre später für mehr als 200 Millionen Euro verkauften.

In Berlin wird also mit eher unkonventionellen Produkten Geld verdient. Das soll auch für die erneuerbaren Energien und die Elektromobilität gelten, die ebenfalls zu den Clustern zählen. Im Klartext: Bei der Massenproduktion herkömmlicher Solarzellen wird Berlin kaum gegen die chinesische Konkurrenz bestehen. Aber die hochmodernen Dünnschichtmodule, die sich in Fassaden integrieren lassen, werden hier entwickelt. Und auch die weltweit benötigte Infrastruktur zum Aufladen von Elektroautos kann hier zur Serienreife gebracht werden.

Die Prognos-Studie prophezeit auch langfristig „eine weitere Stärkung des Dienstleistungssektors“ zulasten der Industrie. Die Frage, ob Volkswirtschaften ein Minimum an Industrie brauchen, bleibt unbeantwortet. Der Senat will es lieber nicht ausprobieren: Ende Juni hat er den bis 2020 angelegten Masterplan „Industriestadt Berlin“ beschlossen, der 34 Projekte in den Bereichen Umfeldbedingungen, Innovationen, Fachkräfte und Standortkommunikation umfasst. Der Technologietransfer zwischen Forschungseinrichtungen und Industrieunternehmen ist ein Kernbestandteil.

Dienstleistung bedeutet in Berlin vor allem Tourismus. Gut 230.000 Menschen arbeiten in dieser Branche, bis 2030 sollen 50.000 weitere Jobs hinzukommen, sofern die Zahl der Übernachtungen wie prognostiziert auf etwa 24 Millionen steigt. Da Berlin im weltweiten Kongressgeschäft an zweiter Stelle (hinter Wien) liegt und Unternehmen viele Aufgaben auslagern, geht die Studie sogar von insgesamt 90 000 neuen Dienstleistungsjobs aus. Der Flughafen BBI soll in Verbindung mit dem stetig wachsenden Flugverkehr weitere 30.000 neue Arbeitsplätze bringen.

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