• Berlin 2030 - Unsere Serie blickt in die Zukunft (5): Freie Fahrt auf der Silicon Alley

"Wir werden in Zukunft nur noch wenige große Firmen haben und viele kleine, innovative Firmen, die neue Ideen voranbringen."

Seite 2 von 2
Berlin 2030 - Unsere Serie blickt in die Zukunft (5) : Freie Fahrt auf der Silicon Alley
von

Investitionen, die sich oftmals lohnen und die dringend nötig sind, wie Seeberger findet. „Gerade in der Pharma- und Biotechnologiebranche hat die Region ein unglaubliches Potenzial, das noch nicht genügend genutzt wird“, sagt er. In der gesamten westlichen Welt lasse sich beobachten, dass die Pharmaindustrie in einer Krise stecke, Arbeitsplätze verliere, auch hier in Berlin. „Wir werden in Zukunft nur noch wenige große Firmen haben und viele kleine, innovative Firmen, die neue Ideen voranbringen.“ Berlin biete hervorragende Bedingungen für diese quirligen Technologietreiber, sagt Seeberger: eine sehr gute Forschungslandschaft an den Unis sowie außeruniversitären Einrichtungen wie etwa den Max-Planck-Instituten. „Das betrifft die Grundlagenforschung, aber auch die klinische, gerade mit der Charité stehen wir sehr gut da.“

"Es gibt unglaublich gute Forschung hier, aber viel zu wenig wird in marktfähige Produktion überführt", sagt Peter Seeberger - Professor, Gründer und Direktor eines Max-Planck-Instituts.
"Es gibt unglaublich gute Forschung hier, aber viel zu wenig wird in marktfähige Produktion überführt", sagt Peter Seeberger -...Foto: Doris Spieckermann-Klaas

Aus seiner Sicht müsste an der Schnittstelle zwischen den Instituten und der freien Wirtschaft noch mehr passieren. „So ist es in den USA üblich, dass Hochschullehrer eigene Firmen ausgründen, hier gibt es noch viele Berührungsängste.“ Den Vorwurf, öffentlich geförderte Forschung werde zum Eigennutz vermarktet, lässt Seeberger nicht gelten. „In anderen Ländern werden die Unis an Patenten oder Firmen beteiligt, sie verdienen langfristig ebenfalls mit. Und zwar mehr, als wenn sie die Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen verhindert hätten.“ Vorausgesetzt, ein Erfinder an der Hochschule weiß überhaupt, wie nützlich seine Idee ist. Vielleicht hat sie eher ideellen Wert, vielleicht kann sie auch viel Geld einbringen. Dafür seien Agenturen nötig, die die Wissenschaftler beraten und sehr kompetente, also teure, Patentanwälte, die sich darum kümmern, das geistige Eigentum zu schützen. „So weit sind wir in Deutschland noch lange nicht“, kritisiert der Forscher und Gründer. „An manchen Fakultäten sind für diesen Technologietransfer gerade zwei Leute da – das können die gar nicht in der erforderlichen Qualität leisten.“

Aus Seebergers Sicht hat die Wissenschaftsstadt noch einiges vor sich. „Es gibt unglaublich gute Forschung mit unglaublich guten Ergebnissen hier, aber viel zu wenig wird in marktfähige Produkte überführt.“ Gerade für seine Branche kann er sich gut vorstellen, dass Hightech-Chemie wieder eine Zukunft in der Stadt hat und die Konkurrenz in Fernost nicht zu scheuen braucht.

Dazu müsste die Stadt aber auch bereit sein. Und daran haben Seeberger wie Madisch manchmal ihre Zweifel. Ihre Mitarbeiter aus vielen Ländern sind nicht nur wegen des Jobs hier, haben sie festgestellt, sondern auch weil die Stadt ein toller Lebensmittelpunkt ist. „Günstige Mieten, Kunst, Kultur, alle erdenklichen Sportarten“, sagt Madisch. „Man ist nie gesättigt, immer wieder ist etwas Neues da. Das treibt gerade die Leute der Kreativbranche an.“

Merkel trifft Start-ups
Gruppenbild mit Kanzlerin (2): Zum Abschied posierten die beiden Wooga-Gründer Jens Begemann und Philipp Moeser mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und 40 Wooga-Mitarbeitern aus 40 verschiedenen Ländern. Insgesamt hat die Spielefirma derzeit 280 Mitarbeiter - pro Woche kommen zwei neue hinzu.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: AFP
08.03.2013 17:42Gruppenbild mit Kanzlerin (2): Zum Abschied posierten die beiden Wooga-Gründer Jens Begemann und Philipp Moeser mit...

Und im Alltag könne man ganz gut mit Englisch durchkommen, sagen beide. Nur nicht bei Behörden. Da wird der Besuch beim Bürgeramt zur Tortur. Bei Researchgate übernimmt den jetzt eine „Feel Good Managerin“ für die Mitarbeiter. Auch an der Uni könnte es nicht schaden, mehr Englisch zu sprechen, findet Seeberger. „Und vor allem sollten wir mehr tun, um die talentierten Leute aus dem Ausland, die hier studieren, auch zu halten. Die lassen wir viel zu schnell gehen und merken dabei gar nicht, was uns entgeht.“

Dennoch sind sowohl Madisch als auch Seeberger überzeugt, dass Berlin in ihren jeweiligen Branchen den Sprung nach vorn bewältigen kann. „Bis 2030 sind noch 17 Jahre Zeit, das ist eine realistische Perspektive, um das zu schaffen“, sagt der Internet-Unternehmer und sieht die Stadt bereits zum zweiten San Francisco reifen. Auch Seeberger glaubt an Berlin. Er drückt das aber etwas anders aus: „Wir müssen die Hightechindustrie wieder hierherbringen. Nur noch Verwaltung und Forschungseinrichtungen, das sind an sich doch Zuschussgeschäfte. Wir brauchen eine Wertschöpfung, die auch wieder Steuergeld in das System bringt.“

Die Hauptstadtregion, ihre Chancen, ihre Herausforderungen - Unsere Serie "Berlin 2030" blickt in die Zukunft. Nächste Folge am Freitag, 14. Juni: Dann geht es um Bürger und Gesellschaft.

Artikel auf einer Seite lesen
» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben