• Berlin 2030 - Unsere Serie blickt in die Zukunft - Auftakt: Wachstum und Chancen: Die Zukunft beginnt jetzt

Bei der Wahl der Stadt, in der kreative und gebildete Menschen ihre Projekte verwirklichen wollen, sind die drei T entscheidend: Talente, Technologie und Toleranz.

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Berlin 2030 - Unsere Serie blickt in die Zukunft - Auftakt : Wachstum und Chancen: Die Zukunft beginnt jetzt
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Die Konzentration auf neue, innovative Felder zeigt Wirkung: In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Erwerbstätigen um 75 000 gestiegen. Rund 170 000 zusätzliche Arbeitsplätze sind bis 2030 möglich, wenn sich die Stadt auf die Felder Wissen und Forschung, intelligentes Produzieren und Spitzentechnologie konzentriert, ist die renommierte Beratungsfirma Prognos überzeugt. Andere Studien gehen von mehr als 300 000 neuen Jobs aus. In den Städterankings belegt Berlin nicht mehr die hinteren Plätze. „Standortvorteile wie Bildung und Innovationsfähigkeit, Internationalität und Erreichbarkeit haben sich immer weiter verbessert“, heißt es im aktuellen Ranking des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) zur Zukunftsfähigkeit deutscher Großstädte, bei dem Berlin auf Platz fünf landete.

Die Firma Younicos ist ein Beispiel, wie man erfolgreich neue Wege geht. Die Firma mit Sitz in Adlershof, der Berliner Brutzelle für neue Unternehmen, baut in Schwerin Europas größten Akku für Ökostrom. Die Speichertechnologie ist unentbehrlich für das Ziel einer Energiewende, damit der in Starkwindphasen produzierte Strom aus Windkraftanlagen gespeichert werden kann für Zeiten, wo Flaute herrscht. Und die Azoreninsel Graciosa hat das Unternehmen mit den 60 Mitarbeitern beauftragt, eine autarke Energieversorgung zu installieren.

Für den Zukunftsforscher Matthias Horx sind bei der Wahl der Stadt, in der kreative und gebildete Menschen ihre Projekte verwirklichen wollen, die drei T entscheidend: Talente, Technologie und Toleranz. „Berlin hat Talente und Toleranz in hohem Maße, bei der Technologie hapert es noch.“ Für den in Wien lebenden Publizisten, der weltweit die Entwicklung großer Metropolregionen beobachtet, ist in Berlin „das kreative Potenzial der zentrale Standortfaktor“. Kreative Metropolen ziehen Menschen an, konstatiert Horx: „Das ist ein sich selbst verstärkender Effekt.“ Weltweit zögen Menschen dorthin, wo es nicht nur Jobs, sondern auch kulturelle Komplexität, Anregungen und Kommunikation gibt. All das gibt es in Berlin, wo man billig leben, sich ausprobieren und preiswert Lebensentwürfe realisieren kann.

Das „kreative Prekariat ist die Kraft der Stadt“, sagt Horx: Hier breiten sich „Coworking Spaces“ aus, wo kleine Unternehmen an einem Ort gemeinsam arbeiten, sich vernetzen und damit Synergieeffekte erzeugen. Vom betahaus in Kreuzberg über das House of Clouds, Raumstation oder United Urbanites – in Berlin gibt es inzwischen mehrere Dutzend Coworking Spaces. Sie alle sind unkonventionelle Ansätze für eine postindustrielle Produktion. Mit seiner „Virilität“ sei Berlin ein „breeding ground für kreative Unternehmen, die irgendwann ökonomisch explodieren können“, also aus dem Status eines Start-ups heraus rasant wachsen und viele Arbeitsplätze schaffen. Darauf setzt wohl auch der Internetkonzern Google, der mit einer Million Euro das Gründerzentrum „Factory“ unterstützt. Im ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße soll aus einem alten Fabrikgebäude ein „Brutkasten“ für weltweit erfolgreiche Internetunternehmen werden.

Im Wettkampf der Metropolen werde auch immer wichtiger, sich auf den Weg zur „Smart City“ zu machen, mit nachhaltiger Stadtentwicklung und CO2-neutraler Lebens- und Produktionsweise. Die ökologische Zielsetzung sei etwas, was besonders junge Paare anziehe, die irgendwann Familie sein möchten, sagt Horx: kein zu unterschätzender Faktor in einer alternden Gesellschaft. Ein Anfang ist gemacht in Berlin: Der Senat hat das Ziel proklamiert, bis 2050 klimaneutrale Stadt zu werden.

Zentrale Faktoren jeder Entwicklungsstrategie müssen dabei Wissenschaft und Forschung sein. In Berlin konzentrieren sich 14 Universitäten und Fachhochschulen und über 40 außeruniversitäre Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen – so viel wie in keiner anderen europäischen Region. Die Verzahnung mit den Unternehmen aber trägt noch nicht Früchte: Bei der Zahl der Patentanmeldungen liegt Berlin weit zurück.

Peter Zühlsdorff ist optimistisch, dass sich das ändert und mit „unglaublicher Geschwindigkeit entwickeln wird“.

Dass Berlin seine alten Industrien verloren hat, sieht der Manager, der an der Spitze vieler deutscher Großunternehmen wie Wella, Tengelmann (Kaiser’s), Obi, Escada oder Merck stand und bis im vergangenen Jahr auch Aufsichtsratschef der Wirtschaftsfördergesellschaft „Berlin Partner“ war, für die Zukunft durchaus als Vorteil. „Berlin hat die Chance, unbeschwert von alten Industrien gleich was Neues zu machen“, sagt der erfahrene Unternehmer. „Berlin ist dabei, ein Schmelztiegel von Menschen aus aller Welt zu werden“, ist Zühlsdorff überzeugt. Er verweist darauf, dass auch Silicon Valley 30 Jahre Vorlauf gebraucht habe, bis es eine Erfolgsstory wurde. „Die Start-ups von heute sind die Großunternehmen von 2030“, sagt Zühlsdorff.

Dem kann Technologieinvestor Ciaran O’Leary nur zustimmen. „In Berlin entsteht kritische Masse“, stellt der weltweit aktive Risikokapitalgeber fest: Die Stadt „fängt an, auch international die besten Leute anzuziehen – aus London, San Francisco, Stockholm oder Madrid“. Und er ist überzeugt: „Ich glaube, dass die kommenden Mark Zuckerbergs gerade in Berlin über die Straßen laufen und ihr Unternehmen schon gegründet haben.“

In der Mietskaserne Elisabeth-Hof hängt über dem Portal 1 eine Uhr, darüber ein Spruch: „Die Stunde ruft – Nütze die Zeit!“. Das gilt auch für Berlin. Die Zukunft hat längst begonnen. Bis 2030 sind es noch 17 Jahre.

Wie die Hauptstadtregion sich entwickelt, welche Herausforderungen auf Berlin zukommen, und welche Probleme die Politik lösen muss. Wie der Wandel gestaltet werden kann – unsere neue Serie in neun Teilen.

Die Hauptstadtregion, ihre Chancen, ihre Herausforderungen - Unsere Serie "Berlin 2030" blickt in die Zukunft.

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