Berlin bellt (1) : Hundeführerschein in Berlin: Hang zum Leinenzwang
19.08.2012 00:59 UhrDer Hundeführerschein hat sich in Hamburg bewährt
„Nur nicht in allzu viel Bürokratie verheddern“, warnen Skeptiker. Umso aufmerksamer schauen sie auf die Hamburger Erfahrungen sowie nach Niedersachsen, dessen 2011 verabschiedetes Hundegesetz einen Hundeführerschein vorsieht. Allerdings tritt diese Neuregelung erst ab März 2013 in Kraft, und sie ist nicht mit der Leinenpflicht verbandelt: Wer sich in Niedersachsen künftig einen Hund anschafft, muss auf jeden Fall die Prüfung bestehen – auch falls er das Tier gar nicht von der Strippe lassen will. Kleine Hunde haben in beiden Ländern keinen Freibrief als Freigänger, weil mancher Dackel oder Terrier eben rascher zubeißt als ein Retriever. Das beweist auch die Berliner Bissstatistik. Nur alte und kranke Hunde sind ausgenommen.
Ansonsten ist Hamburg noch etwas strenger als das zweitgrößte deutsche Bundesland: An der Elbe müssen auch langjährige Hundehalter zum Prüfer, in Niedersachsen sind Halter befreit, die seit zwei Jahren ein Tier besitzen, das nicht auffällig geworden ist. Und in Hamburg gilt der Schein für den jeweiligen Erwerber. Nur er darf den Hund, den er vorgeführt hat, von der Leine lassen. Es sei denn, die ganze Familie hat den Test abgelegt. Den Gesetzgebern in Hannover reicht ein Führerschein für die Familie. Nur einer muss ihn erwerben, Mutter oder Vater tragen die Verantwortung für alle Gassigeher.
Video: Das Hundeauslaufgebiet Grunewald im Test
Wer zur Prüfung will, muss zuvor in beiden Ländern nachweisen, dass sein Hund versichert ist und einen implantierten Mikrochip mit den Angaben zum Besitzer unter der Haut trägt. Bei den Prüfungen geht es auf Bürgersteigen, vor U-Bahnhöfen oder Kitas quer durchs Hundeknigge. Sitz! Platz! Bleib! Steh! Komm! Nicht auf entgegenkommende Passanten, Jogger oder Radler zuspringen, in einer Menschengruppe bei Fuß bleiben, nur auf Kommando über die Straße laufen. Auch die sogenannte Leinenführigkeit wird getestet: Ein Tier, das zerrt, bekommt Minuspunkte.
Bei all dem achten die Prüfer auch auf das Wesen des Hundes und die Art, wie die Halter mit ihm umgehen. Auch die Menschen werden benotet. Wer übertrieben hart kommandiert, kann durchfallen. Um all das zu trainieren, sollte ein Benimmkurs in einer Hundeschule mindestens 20 bis 30 Stunden umfassen. Kosten: 300 bis 400 Euro inklusive Prüfgebühr. Die Prüfer brauchen in beiden Ländern ein Zertifikat. Sie müssen ihre Qualifikation vor Amtsveterinären nachweisen.
Der Hundeführerschein hat sich in Hamburg offenbar gut bewährt. Bis Ende 2011wurden 22 500 Scheine ausgestellt, knapp die Hälfte aller Halter hat Schulungen besucht. Ein Anteil, von dem Berlin Schätzungen zufolge noch weit entfernt ist. Der gesetzliche Druck brachte viel in Bewegung, obwohl Hamburgs Ordnungshüter genauso wenig kontrollieren wie ihre Berliner Kollegen. „Hier ist der Hundeverstand so verbreitet wie noch nie“, sagen Hundetrainer an der Elbe. Dennoch hält Hamburg – im Gegensatz zu Berlin – an der umstrittenen Rasseliste für gefährliche Kampfhunde fest (siehe Kasten).
Kritik am Hundeführerschein? „Es gibt in Hamburg eine Inflation neuer Hundeschulen, darunter sind unqualifizierte, die nur schnelles Geld machen wollen“, sagen Szenekenner. Und: Die Prüfungen seien nur Momentaufnahmen. Hunde vergessen rasch. „Wer nicht ständig übt, ist bald wieder mit einem Raudi unterwegs.“

















