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Berlin bellt (4) : Auf den Kampfhund gekommen

04.09.2012 13:41 Uhr

Bossi ist ein American Staffordshire Terrier. Die Rasse ist laut Liste verboten in 13 von 16 Bundesländern. Und dennoch ist Bossi ein Hund mit Potenzial: In Berlin wird er zum Besuchshund für Alte und Kranke ausgebildet.

Er ist schon eine Weile im großen Garten herumspaziert, ziellos wie es schien, als der Durst ihn zurück auf die Terrasse treibt. Er trinkt einen kräftigen Schluck Wasser, dann legt er sich hin. Unter den Tisch, so dass dessen Plastikbein ihm in den Rücken drückt. Er schließt die Augen und macht sie gleich wieder auf, denn drinnen im Haus lärmt Klaus. Er steht auf und geht zur geschlossenen Terrassentür, als wolle er schauen, was mit Klaus ist. Dem alten Klaus, der aus Senilität vor sich hinlärmt. Eine Frauenstimme ruft: „Klaus! Sag mal, geht’s noch. Ruhe!“ Dann ist es wieder still. 

Klaus ist noch so einer wie er.

Aber während Klaus nichts mehr leisten soll in seinem Leben, wird von ihm, Name laut Halsband: Bossi, Alter: 3,5 Jahre, Großes erwartet. Er soll das finstere Image der Seinigen verbessern. Er soll den American Staffordshire Terrier, im Volksmund Kampfhund, eingestuft laut Rasseliste als „gefährlich“ in 13 von 16 Bundesländern und dort belegt mit Haltungs-, Ausbildungs- und Zuchtverboten, rehabilitieren. Dafür lässt er sich derzeit als Besuchshund für Demenzkranke und geistig Behinderte ausbilden. 

Die schönsten Hundefotos unserer Leserinnen und Leser:

Bossi gähnt und legt sich wieder hin. Der Tisch, unter dem er liegt, Garten, die Terrasse, das Haus und Nebengebäude befinden sich hinter einem hohen Metallzaun am Rande irgendeines Örtchens in Brandenburg. Näheres soll nicht bekannt werden wegen der merkwürdigen Typen, deren sichergestelltes Eigentum hier manchmal lebt: verbotene Hunde, Rasselistenhunde. Solche wie Bossi. 

Seit vor zwölf Jahren in Hamburg der sechsjährige Volkan Kaya von zwei American-Staffordshire-Pitbull-Mischlingen totgebissen wurde, wird wieder und oft sehr emotional über Kampfhunde gestritten. Über die Frage, ob man vor ihnen grundsätzlich Angst haben müsse.

Kampfhundbesitzer zeigen gut erzogene Tiere. Kampfhundfreunde regt schon die Bezeichnung auf. Beißstatistiken werden bemüht, interpretiert, anders ausgelegt. Einzelne Bundesländer fingen an, unterschiedliche Regelungen zu treffen. Heute muss, wer mit seinem Bullterrier von Berlin nach Brandenburg ziehen möchte, seinen Hund zuvor loswerden. 

Bossi kam aus Bremen nach Brandenburg. Vor zwei Jahren wurde er dort sichergestellt. Er hatte nichts getan, aber sein Besitzer hatte ihn im Garten allein gelassen. Nachbarn informierten die Polizei, die kassierte den Hund, brachte ihn in das nächst gelegene Tierheim, das ihn mit den Worten: „Vorsicht, der ist nicht ohne“ an das zuständige Tierheim weiterreichte. Von dort erfolgte der Anruf in Brandenburg. Christine Prochnow, eine zierliche aber raue Frau, stieg ins Auto und fuhr los. Seit 2000 betreibt sie hauptsächlich mit Spenden ihr Heim für Listenhunde. So um die 25 Tiere betreut sie, und sie hat einiges zu erzählen. Über Menschen. 

Kampfhunde, die auffallen, stammen fast ausschließlich aus den gesellschaftlichen Randbereichen. Die Tiere, die den kleinen Volkan töteten, gehörten einem mehrfach vorbestraften Mann. Andere lebten in verwahrlosten Umständen, als Statussymbol bei Neonazis, Zuhältern, Dealern, bei Menschen, die die gesetzlichen Auflagen – Wesenstest für den Hund, Sachkundeprüfung für Hund und Halter, Führungszeugnis vom Halter – nicht erfüllen konnten oder wollten, die der Hunde überdrüssig wurden, sie an Laternenpfähle banden und sich davonstahlen. Christine Prochnow ist deshalb für ein Zuchtverbot. Weil zu viele Menschen, die sich für die Hunde interessieren, nicht geeignet sind, und man die Menschen eben nicht geändert kriege. Aussterben würden die Rassen trotzdem nicht, sagt sie. Sie weiß, dass ihre Meinung in der Tierfreundewelt eine Ausnahme ist.

An jenem Sommertag 2010 suchte sie aus dem norddeutschen Tierheim drei Tiere aus, die sie mitnahm. Ihr Kriterium: „Wer muss hier schnell raus?“ Ängstliche, kanke oder auch nette.

Und was ist mit der Gefährlichkeit? Kampfhund heißen so, weil sie für Hundekämpfe gezüchtet wurden. Dafür mussten sie aggressiv sein – gegen Hunde. Für den Menschen mussten sie jederzeit anfassbar bleiben. Hundekämpfe sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts verboten. Und wo blieb die Aggressivität? Generell heißt es: Was man reinzüchtet, kann man wieder rauszüchten. 

Der Internationale Rassestandard verlangt vom American Staffordshire Terrier, der in den heutigen USA ein beliebter Familienhund ist, dass sein Unterkiefer Beißkraft haben sollte. In Studien fiel auf, dass bei „Welpen dieser Rasse das Kontaktspiel mit Beißen und Festhalten dominierte“ – statt Rennen. So schreibt es Andrea Steinfeldt von der Tierärztlichen Hochschule Hannover in einer Studie. Und, dass Ähnliches auch bei Pudeln beobachtet worden sei. Sie moniert, dass in bisherigen Untersuchungen jeweils nur einzelne Würfe beobachtet worden seien und hält es für „wissenschaftlich nicht haltbar, die gewonnenen Ergebnisse generalisiert auf alle Vertreter dieser Rassen zu extrapolieren.“ 

Christine Prochnows knappere Antwort geht in dieselbe Richtung, Sie sagt: „Nach einer Viertelstunde weiß ich, was in dem Hund steckt.“ Und Bossi fiel ihr gleich als freundlich auf. Er besaß den nötigen Grundgehorsam und war erzogen. 

In Brandenburg bekam er vier Wochen Zeit, sich an die neue Umgebung und die anderen Hunde zu gewöhnen. Er erwies sich weiter als gesellig und umsichtig. Nicht so rempelig wie manche von Prochnows Gästen, die beim Spielen den ganzen Plastiktisch von der Terrasse fegen. Sie legte fest, wer immer diesen Hund haben möchte, der müsse garantieren, dass mit dem im sozialen Bereich gearbeitet werde. Und schon bald ergaben sich zwei Dinge für Bossi. 

Als Christine Prochnow einmal bei einer Fortbildungsveranstaltung für Veterinäre zum Thema „Hundliches Verhalten“ auftrat, nahm sie als Anschauungsobjekt Bossi mit. Dort war auch eine Vertreterin des Vereins „Leben mit Tieren“, die Besuchshunde ausbilden. Prochnow fragte direkt, ob die Bossi ausbilden würden, ob sie diese Rasse mitmachen lassen. Die Antwort lautete: ja. 

Damit war seine Aufgabe gefunden. Und dann entschieden sich Daniela Amft, 29, und ihr Mann, den Hund zu nehmen, den sie kannten, weil sie zu den Gassigehern gehören, die Christine Prochnow ehrenamtlich unterstützen. 

Daniela Amft, eine ruhige, blonde Frau, gertenschlank, sympathisch und nett, sitzt neben ihrem Hund auf der Terrasse. Sie ist das Gegenteil vom typischerweise angenommenen Kampfhundbesitzer, lacht und knufft ihren Hund, wenn sie von seiner Gefährlichkeit reden soll. Sie kenne American Staffordshires schon aus Kindertagen, als noch niemand von Kampfhunden sprach, und habe nur beste Erinnerungen. Gelehrig und menschenbezogen seien sie und wie Clowns, wenn sie Fratzen schneiden. Schwierigkeiten gab es bisher beim Gassi gehen selten, sie sagt, es liege doch am Halter, wie auf einen Hund reagiert werde. Nur, als sie und ihr Mann eine neue Wohnung gesucht haben, wurde es schwierig. Lange hörte sie, wenn sie sagte, was für einen Hund sie hat, ein Nein.

Bossi machte beim Leben-mit-Tieren- Verein einen Eignungstest. Eine Stunde lang wurden in den Räumen des Vereins verschiedene Stresssituationen simuliert. Bossi ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er bestand mit Auszeichnung. Jetzt fehlt noch ein Praktikum. Dann kann es losgehen. Wenn sie ein Pflegeheim finden, das sich darauf einlässt, einen Kampfhund zu nehmen. Das sich die Mühe macht, das Tier zu erkennen.

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