Berlin : „Berlin braucht Frohsinn“

Justizsenatorin Karin Schubert gilt als echter „Jeck“ Ein Plädoyer für den Karneval an der Spree

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Frau Schubert, wir haben hier ein Foto von Ihnen vom letzten Karneval. Sie sind als Waldhexe verkleidet . . .

Ja, da steh ich auf dem Wagen der StäV, der Ständigen Vertretung. Da war ich eher ein Waldzwerg, aber mit Hexe kann ich mich auch identifizieren.

Ist das jedes Jahr Ihr Karnevalskostüm?

Nein, ich wechsele mein Kostüm jedes Jahr. Früher ging ich häufig als Clown, mit kräftig geschminktem Gesicht. Damit erkennt man mich aber nicht. Das ist ein Problem, da ich auf dem Wagen ja auch die Stadt repräsentieren soll.

Manch anderer wäre froh, wenn man ihn auf einem Karnevalszug nicht erkennen würde. . .

Das ist bei mir anders. Für mich ist es eine persönliche Verpflichtung, den Karneval hier zu feiern.

Sie gelten als sehr engagierte Karnevalistin – und als gefährliche. Am Donnerstag sollen Sie wieder mit der Schere Jagd auf beschlipste Männer gemacht haben.

Ja, an Weiberfastnacht gehört das dazu. Ich habe am Donnerstag dem Staatssekretär des Finanzsenators den Schlips abgeschnitten und noch zwei anderen Männern. Aber ich hatte so viele offizielle Termine, dass ich nicht weit gekommen bin.

Was waren Ihre Vorjahresergebnisse?

Immer zwischen 50 und 100 Schlipse.

Sind Sie als Exil-Rheinländerin mit den eher rudimentären Karnevalsfeiern in Berlin zufrieden?

Man tut sich schwer, in Berlin in Karnevalsstimmung zu kommen. Im Rheinland freut man sich, dass es laut wird und lustig, und das bringt einen in Stimmung.

Spaß hatten wir in Berlin aber auch schon, bevor die Rheinländer den Karneval hierher brachten…

Berlin kann den öffentlichen Frohsinn aber gebrauchen. Wenn man auf dem Wagen steht, sieht man Leute in Achterreihen stehen, die offensichtlich großen Spaß haben. Das hätte ich vor vier Jahren nicht gedacht, als ich das erste Mal an einem Karnevalsumzug in Berlin teilnahm. Seitdem hat sich die Zuschauerzahl jedes Jahr verdoppelt.

Ihr Mann stammt aus dem karnevalsfernen Kiel. Was hält der von Ihrer Leidenschaft?

Der hat früher immer gesagt: Wie könnt Ihr Rheinländer auf Kommando fröhlich sein? Dann habe ich ihn mal im Clownskostüm mit ins Kölner Rathaus genommen. Seitdem will er jedes Jahr dorthin.

Was würden Sie einem Neueinsteiger empfehlen, um sich dem Karneval in Berlin zu nähern?

Am Sonntag ab 12 Uhr 11 mitmarschieren und dann am Schloßplatz bei dem großen Fest mitfeiern, wo alle Karnevalisten auftreten und auch Büttenreden gehalten werden.

Was wäre das Minimum an Kostümierung?

Es gibt einen Kölner Schlager, der sagt, eine Pappnas’ im Gesicht reicht aus, um ein Narr zu sein. Sonst tut es auch ein rotes Herz auf der Wange oder eine Luftschlange um den Hals.

Sie sollen sogar ein Kostüm für Ihren Hund haben.

Aber ja. Der ist ein Dackel, und zum Karneval geht er jedes Jahr als bayerischer Löwe.

Das ist doch Tierquälerei.

Nein. Das ist einfach eine Filzdecke in Form eines Löwenfells mit Löwenkopf und Edelweiß obendrauf.

Was halten Sie eigentlich als Rheinländerin von dem Berliner Karnevals-Schlachtruf „Hei-Jo“?

Das Problem ist, dass man ihn so schwer rufen kann. Der vollständige Ruf lautet ja „Berlin, Hei-Jo, olé, olé, olé, Karneval an der Spree“. Vielleicht sollte man sich einfach auf „Hei-Jo“ beschränken . . . Allerdings ist es für einen Rheinländer auch nicht leicht, „Hei-Jo“ zu rufen.

Haben Sie in diesen Tagen Heimweh nach Köln?

Am Donnerstag habe ich zwischen zwei sehr ernsthaften Terminen in meinem Büro den Fernseher angemacht, den WDR eingestellt und geguckt, was die Kölner auf dem Alten Markt veranstalten. In dem Moment dachte ich: Da wärst Du jetzt gerne. Aber ich bin froh, dass es jetzt auch in Berlin einen Karneval gibt. Denn eigentlich ist der nach außen etwas spröde Berliner ja lebensfroh, er meckert nur gerne rum – damit der andere nicht merkt, wie lebensfroh er ist.

Das Gespräch führte Lars von Törne

Karin Schubert (61)

ist Justizsenatorin und Bürgermeisterin in Berlin. Sie wurde zwar in Erfurt geboren, lebte aber lange im Rheinland und ist Karnevalsfan. Für den

Berliner Umzug

kostümierte sie sich im vergangenen Jahr als grüner Waldzwerg.

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