Berlin : „Berlin braucht viele unruhige Geister“

Diskussion über Chancen der EU-Erweiterung – und über Ängste

Sabine Beikler

So schön kann eine Liebeserklärung an Berlin formuliert sein: „In Tschechien sind die Prager genauso beliebt wie die Berliner in Deutschland. Wenn Sie einem Prager sagen, dass in der Welt viele wichtige Dinge passieren, dann nickt er zwar, aber glauben tut er das noch lange nicht. Worin sich Berlin von Prag unterscheidet, ist seine Aufgeschlossenheit. “ Diese Eloge hielt Boris Lazar, der Botschafter der Tschechischen Republik. Deshalb werde Berlin auch die einzige Weltstadt in Mitteleuropa sein, sagte er am Dienstagabend vor rund 200 Zuhörern bei einer Veranstaltung des SPD-Diskussionsforums „Einheit der Stadt“ im Tempodrom. Dort diskutierten der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der frühere Regierende Bürgermeister, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, sowie Botschafter der EU-Erweiterungsstaaten über das Thema „Die Erweiterung der EU – Chancen und Ängste in Ost und West“.

Mit vielen Attributen hat man Berlin in den letzten Jahren belegt: Drehscheibe, Brückenkopf, westlichste Stadt des Ostens, östlichste Stadt des Westens und so weiter. Mitte 2005 wird die EU-Osterweiterung kommen. Wie bereitet sich Berlin darauf vor, und wie hilft Berlin den osteuropäischen Nachbarn, wollte Moderator Lorenz Maroldt, stellvertretender Chefredakteur des Tagesspiegels, vom Regierenden wissen.

Wowereit sprach von Austauschprogrammen zwischen den Verwaltungen, von den vielen Europa-orientierten Institutionen wie zum Beispiel die Europäische Akademie und „Hilfestellungen“ auf Gebieten der Versorgung, Müllentsorgung oder Stadtentwicklung. Worin sich Berlin gegenüber seinen Konkurrenten wie Wien, Stockholm oder Helsinki auszeichnet, sind Wowereit zufolge die geographische Lage, die Chance als Dienstleistungsmetropole und Standort für Zukunftstechnologien. Allerdings: „Diese Reden halten auch alle anderen Bürgermeister“, gab der SPD-Politiker zu. Berlins Chancen sieht Wowereit in der „Offenheit, Intellektualität und Internationalität“, die es zu „kreieren“ gelte. Und natürlich: in der „Toleranz und Weltoffenheit“ der Stadt.

Ängste vor steigender Kriminalität oder sinkender Wirtschaftskraft nach der Ost- Erweiterung teilen weder Klaus Wowereit noch Richard von Weizsäcker. Der CDU-Politiker ist ein glühender Verfechter des europäischen Gedankens. Deshalb spricht von Weizsäcker auch nicht von Osterweiterung, sondern von der „Vollendung Europas“, einer „Normalität“ im historischen Kontext. Und dass viele „Alt-Europäer“ immer noch lieber in den Westen als in den Osten reisen würden, werde sich im Laufe der Zeit „sicher ändern“.

So sympathisch auch Boris Lazars Amtskollegen, der slowakische Botschafter Ján Foltin, der ungarische Botschafter Sándor Peisch und der polnische Botschafter Andrzej Byrt („Berlin ist die museenreichste und sauberste Stadt Europas“) über Berlin sprachen: Kritik übten die Diplomaten an den schlechten Verkehrsverbindungen nach Osteuropa und am schlechten Zustand der Berliner Universitäten. Die Hochschulen hätten sich unzureichend auf internationale Lehre eingerichtet, englischsprachige Kurse seien sehr selten: Sándor Peisch erzählte von der kürzlich eröffneten deutschsprachigen Universität in Budapest. Und wer es sich als Osteuropäer leisten könne, „der geht zum Studieren nach London oder in die USA“, ergänzte der slowakische Botschafter Foltin. Berlin müsse im universitären Bereich deutlich mehr anbieten, um „unruhige Geister anzuziehen, die die Dinge vorantreiben“, schloss Boris Lazar sein Loblied auf Berlin.

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