BERLIN Bücher : Als Berlin AKWs bauen wollte

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Es hört sich verrückt an: ein Kernkraftwerk im Berliner Stadtgebiet. Tatsächlich gab es in der Vergangenheit solche Pläne, und die waren absolut ernst gemeint. Davon berichtet das Buch „Berlin atomar. Die Atomkraftwerkspläne für die Hauptstadt“ von Katja Roeckner und Jan Sternberg. Wesentlicher Treiber für diese Ideen war die Insellage West-Berlins, die den Bewohnern während der Zeit der Blockade überaus deutlich wurde. Die Flugzeuge transportierten vor allem den Energieträger Kohle – und nur untergeordnet Nahrungsmittel, wie der Begriff „Rosinenbomber“ fälschlicherweise andeutet. Bis zum Fall der Mauer war die sichere Energieversorgung West-Berlins deshalb ein großes Thema für die Landes- und Bundesregierungen.

Aus diesen Überlegungen heraus gab es zwei ernstzunehmende Anläufe für ein Kernkraftwerk in der Stadt, um Strom und auch Wärme zu gewinnen. So arbeitete die landeseigene Bewag um 1960 an einem Konzept für einen Reaktor in Wannsee nahe des Griebnitzsees. Das hätte jedoch Absprachen mit und zwischen den Besatzungsmächten erfordert, was damals in Zeiten des Mauerbaus und der Kuba-Krise unrealistisch war. So scheiterte das Vorhaben. Auch ein weiterer Versuch in den Siebzigerjahren blieb im Planungsstadium stecken. Dabei sollte das Kernkraftwerk in Ruhleben entstehen – dort, wo heute das Kohlekraftwerk Reuter-West steht. Über beide Vorhaben berichten die Autoren detailliert. Hätte das Buch nicht streckenweise ideologische Schlagseite, wäre das Lesevergnügen noch größer. Ralf Nestler

Katja Roeckner/

Jan Sternberg: Berlin atomar. Die Atomkraftwerkspläne für die Hauptstadt. 124 Seiten mit Abbildungen. Vergangenheits-Verlag, 14,90 Euro.

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