BERLIN Bücher : Ein Westfale in Wedding

von

Wedding, so wird immer wieder geraunt, sei schwer im Kommen. Doch bisher ahnen bestenfalls einige Galeristen an der Peripherie der Reinickendorfer Straße etwas davon. Und natürlich die Freunde von der Schlapphutfraktion, die sich gerade an der Chausseestraße ihre Trutzburg in Beton gießen lassen. Ansonsten döst der Stadtteil vor sich hin, turnusmäßig leicht angeheitert auf dem Müllerstraßenfest oder bei der Kulttruppe von „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“. Im Übrigen gibt man sich eher bräsig und gänzlich unberührt von den angrenzenden Aufregungen im Regierungsviertel. „Auf den Straßen des Weddings gilt das eherne Gesetz des Ignorierens“, hat auch der Autor Heiko Werning festgestellt, den es 1991 aus Westfalen hierher trieb. „Das Schöne am Wedding ist ja, dass man hier einfach machen kann, was man will, es interessiert keinen Menschen.“

Und so bleibt es den Einwohnern überlassen, sich die eigene Macke schön bunt zu malen. In 35 kurzen (und sehr durchwachsenen) Texten hat der staunende Westfale Werning allerlei Merkwürdigkeiten aufgespießt. Er nimmt eigenartige Unbeholfenheiten und kümmerliche Existenzen liebevoll aufs Korn, mokiert sich über die „migrationshintergründischen“ Jungbullen, die einem partout den Weg verstellen möchten, staunt über die Geschmeidigkeiten selbst ernannter Wirte, die mal italienische, dann indische und wenig später mexikanische Spezialitäten anbieten, und hat ein Faible für Ekelszenen, etwa wenn er sich beim Müsli über die unansehnlichen Rosinen wundert, bis er merkt, dass es sich um Mäusekot handelt.

Manches ist also durchaus gewöhnungsbedürftig. In den erzählerischen Teilen wirken die Texte häufig etwas angestrengt und allzu fantasievoll verstiegen, also unglaubwürdig. Lässt Werning seinen Typen in Dialogen aber freien Lauf, trifft er den Ton und es kann unterhaltsam und witzig werden. Ein Büchlein, das die Augen für Alltägliches am Rande des Glitzers und der Hektik öffnen kann. Stefan Berkholz









Heiko Werning:
Mein wunderbarer Wedding. Geschichten aus dem Prekariat. Edition Tiamat, Berlin. 192 Seiten, 14 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben