BERLIN Bücher : Geschichten von Toten

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In Prenzlau war es, in den späten zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Eine Garnisonsstadt, in die Prinz Wilhelm zwecks Truppeninspektion gekommen war. In der Nacht herrschte Schneetreiben, die Sicht am Pulverturm war wohl nicht sehr gut, als sich dem dortigen Wachposten ein Mann mit tief ins Gesicht gezogener Mütze näherte. Der Posten rief ihn an, ohne Reaktion, ein zweites Mal, wieder nichts, dann ein drittes Mal, das Gewehr nun schon im Anschlag. Da endlich kam die richtige Parole, der Zwischenfall verlief glücklich, und die preußische Geschichte konnte ihren bekannten Verlauf nehmen: Der von dem gewissenhaften Wachsoldaten fast Niedergeschossene war Wilhelm, der spätere Kaiser.

Eine längst vergessene Episode, und dabei wäre es auch geblieben, hätte man sie nicht bei den Recherchen zu einem Buch über den jüdischen Friedhof in Weißensee wieder ausgegraben. Victor Cohn, so hieß der wackere Soldat, stammte aus Westpreußen und sollte es später als Gerber in Berlin noch zu Wohlstand bringen, so üppig, dass er sich ein über vier Meter hohes Familiengrab aus Sandstein leisten konnte, entworfen von Johannes Hoeniger, Baumeister der Synagogen in der Ryke- und der Fasanenstraße. Das Grab gibt es noch immer, es hat die Zeiten sogar recht gut überstanden, nur der schmiedeeiserne Zaun mit dem Davidstern im Türchen ist verschwunden. Auf einer alten Schwarz-Weißaufnahme, die in dem Buch einem aktuellen Farbfoto gegenübergestellt wurde, ist er zu sehen.

Dieses Gegenüber ist Prinzip in dem von Britta Wauer und Amélie Losier vorgelegten Band „Der Jüdische Friedhof Weißensee – Momente der Geschichte“: Eine Friedhofsszene, Grabsteine meist, wird zweimal abgebildet, als historische Aufnahme, mit Trauernden womöglich oder Friedhofsarbeitern, und als Bild aus der Gegenwart, ergänzt um Details zum Leben der Verstorbenen und ihrer Familien. So taucht sogar der junge Hans Rosenthal auf, wie er um 1937 am Grab seines Vaters lehnt. 1941 starb auch seine Mutter, die letzten Jahre der Nazi-Zeit überlebte er dank dreier älterer Damen, nahe des Friedhofs versteckt in einer Laubenkolonie.

Eigentlich wollte Britta Wauer, Filmregisseurin und -produzentin, einen Dokumentarfilm über den Friedhof drehen, bat in der Zeitschrift „Aktuell“, die der Berliner Senat herausgibt und an ehemalige Berliner in aller Welt verschickt, um Informationen über die Gräber und die Toten. Binnen kurzem kamen fast 250 Zuschriften, aus Europa, aber auch aus den USA, Kanada, Neuseeland, Australien, Südafrika, Argentinien und natürlich Israel – „eine schöne Überraschung, aber auch eine überwältigende“, wie die Filmfrau schreibt. Bilder wurden geschickt, Erzählungen, Hinweise, eine Informationsflut, die bald zwölf Aktenordner füllte und den Rahmen des Filmprojekts sprengte.

Ein Buch sollte es nun sein, aber eines, an dem die Familien der Toten mitwirkten, durch ihre Erinnerungen eben in Wort und Bild, denen die neuen Aufnahmen der Fotografin Amélie Losier gegenübergestellt wurden. Den Toten, von denen man oft nur noch die Namen an den Grabsteinen hatte, wenn diese nicht sogar herabgefallen oder verwittert waren, wurden damit ihre Geschichten wiedergegeben, längst vergessen oder nur noch wenigen bekannt. Augenblicksaufnahmen sind darunter wie die des liberalen Rabbiners Benno Gottschalk, der 1915 Mitglieder einer schlagenden jüdischen Verbindung über den Friedhof führte, oder auch Fotos wie jenes von Marion Ehrlich und ihrer Freundin, zwei lachende Mädchen, was angesichts des Aufnahmejahres 1942 verwundert. „Aber das konnten sie eben nur auf dem Friedhof, weil es ihnen da keiner verbieten konnte“, schreibt dazu der heute in Ludwigshafen lebende Harry Kindermann, damals 15 Jahre, der sich in die blonde Marion sofort verliebt hatte. Er war aus seiner Schule in der Wilsnacker Straße zur Zwangsarbeit auf den Friedhof gekommen, sie wurde seine erste Freundin. Viel Zeit blieb ihnen nicht: Im selben Jahr deportierte man Marion nach Auschwitz und brachte sie dort um, auch das zweite Mädchen wurde wenige Wochen nach Entstehung des Fotos in Riga umgebracht. Andreas Conrad



Britta Wauer/Amélie Losier:
Der Jüdische Friedhof Weißensee – Momente der Geschichte. be.bra Verlag, Berlin. 176 Seiten, 141 Fotos, Texte in Deutsch und Englisch, 24,95 Euro

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