Berlin-Bücher : Johanna und der Untergang

Das Kriegstagebuch eines BDM-Mädels über Untergang und Neubeginn in Berlin 1945.

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Die 15-jährige Johanna Ruf erlebte im Bunker der Neuen Reichskanzlei das Ende der NS-Zeit.
Die 15-jährige Johanna Ruf erlebte im Bunker der Neuen Reichskanzlei das Ende der NS-Zeit.Foto: Promo

Im Bunker der Neuen Reichskanzlei waschen einige BDM-Mädel ihre Blusen, sollen den „Führer“ treffen, das geht nur in sauberer Kleidung. Eigentlich ist Hitler schon tot, das wissen sie nicht. Einige Kinder beobachten die Szene, werden kess, provozieren die Mädchen, einer wird das zu viel: „Ich gebe dem Jungen eine Backpfeife. ,Weißt du nicht, wer das ist?‘, fragt mich Lieselotte. Später erfahre ich, das es die Kinder des Propagandaministers Goebbels sind.“ Sie haben nicht mehr lange zu leben.

Der Eintrag vom 1. Mai 1945 ist nicht unbedingt eine Schlüsselszene der Tagebuchaufzeichnungen, in denen die 15-jährige Johanna Ruf ihre Erlebnisse zwischen Januar und Juli 1945 festgehalten hat, als Hilfskrankenpflegerin erst im Bunker am Anhalter Bahnhof, in der Reichskanzlei und für Monate in Lazaretten der Roten Armee. Für einen zugkräftigen Titel reicht die Ohrfeige aber allemal, sicherte Schlagzeilen sogar in der britischen Presse.

Das Buch wäre aber auch ohne die Ohrfeige interessant genug – ein zufällig entdecktes Dokument, das die Lage in Berlin kurz vor und nach Kriegsende aus der Sicht einer Heranwachsenden, von der Idee einer „ganz großen Gemeinschaft“ noch immer begeistert, ebenso schlicht, bisweilen naiv wie in eindringlicher Authentizität schildert. Hätte nicht Herausgeber Wieland Giebel die „Dokumentation Führerbunker“ im Bunker am Anhalter Bahnhof eröffnet, die heute 87-jährige Johanna Ruf wäre wohl nie auf die Idee gekommen, ihre alte Leidensstätte noch einmal zu besuchen oder gar ihr Tagebuch öffentlich zu machen. So aber bot sie es dem Verleger an, der zugriff.

Ursprünglich waren es Stichworte, später abgetippt und ausgearbeitet, sicher überformt, doch ohne den ursprünglichen Grundton zu verfälschen oder gar Fakten zu beschönigen. Nicht mal die Ohrfeige für den neunjährigen Helmut Goebbels, die letzte, die er in seinem kurzen Leben erhalten sollte.

Johanna Ruf: Eine Backpfeife für den kleinen Goebbels. Berlin 1945 im Tagebuch einer 15-Jährigen. Die letzten und die ersten Tage. Berlin Story Verlag. 118 S., 12,95 Euro.

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