BERLIN Bücher : Parole: Kaviar für alle

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Der Name steht für Luxus und Wohlgefühl, Gastlichkeit und kulinarischen Genuss: Kempinski. Der Berliner nennt das Hotel am Ku’damm knapp und vertraut „Kempi“, auch das Adlon ist ein „Kempi“, das Baltschuk in Moskau, das Siam in Bangkok … Wer den Begründer der Dynastie sucht, muss auf den Jüdischen Friedhof in Weißensee gehen. Dort liegt Berthold Kempinski, gestorben am 14. März 1910. Wie es dem Firmengründer seit dem Tage seiner Geburt 1843 in Raschkow bei Posen erging und wie der Sohn eines kleinen jüdischen Weinhändlers seinen Jugendtraum verwirklichte, in Berlin ein eigenes Restaurant zu eröffnen, das beschreibt Horst Bosetzky sehr anschaulich, manchmal etwas weitschweifig, aber nicht ohne tiefgründige Spannung in seinem neuen Roman „Kempinski erobert Berlin“. Eine Lebens- und Familiensaga mit Höhen und Tiefen: Der Autor schildert ausführlich das Milieu, aus dem der Vater der Dynastie kam, bis er 1872 in der Friedrichstraße seine erste Weinhandlung eröffnete. Als er im Oktober 1903 seinen 60. Geburtstag feierte, hatte er seine Ziele erreicht, „sein Restaurant war eine feste Größe in der Stadt, gehörte zu ihr wie der Anhalter Bahnhof, und mit der Leipziger Straße 25 hatte er sich sein eigenes Denkmal gesetzt“. 1926 folgt das Restaurant und Delikatessengeschäft am Kurfürstendamm, Ecke Fasanenstraße, 1928 beginnt Kempinskis „Unterhaltungsgastronomie“ im „Haus Vaterland“ am Potsdamer Platz. Mit Humor und Freundlichkeit wollten Kempinski Senior und alle Nachfolger ihren Gästen zu Genuss verhelfen, sie wollten nicht zu den oberen Zehntausend gehören, sondern alle verwöhnen: Kaviar fürs Volk. „Was es bei Kommerzienrats in der Tiergartenstraße gab oder was der Rittmeister von den Gardekürassieren einmal bei Dressel seinen Freunden auftischen ließ, das sollte, nun in kleinen Portionen und ganz billig, auch bei Kempinski in der Leipziger Straße zu haben sein. Für alle. Jedes Tippfräulein wusste fortan mit der Hummergabel umzugehen.“ Durch diese Demokratisierung kulinarischer Genüsse wurde Kempinski zum Millionär. Ab 1939 werden die von der weitverzweigten Verwandtschaft betriebenen Etablissements „arisiert“, zerstört – bis sie nach dem Krieg ihre Wiedergeburt erleben.

Bosetzky erzählt mehr als die Geschichten einer Familie, ihm gelingt ein wirtschaftlich-politisches Zeitpanorama, seine Figuren beleben die Stadt und erleben das Auf und Nieder seit 1855. Der Autor wünscht sich sein Buch als literarischen Stolperstein, ganz im Sinne jener Tafel am Eingang zum Ku’damm-Hotel: „Hier stand seit 1928 ein Kempinski-Restaurant. Es war ein weltweit bekanntes Symbol Berliner Gastlichkeit. Weil die Besitzer Juden waren, wurde diese berühmte Gaststätte 1937 ,arisiert‘, unter Zwang verkauft. Angehörige der Familie Kempinski wurden umgebracht, andere konnten fliehen. Das 1952 eröffnete Bristol Hotel Kempinski möchte, dass das Schicksal der Gründerfamilie nicht vergessen wird“. Lothar Heinke













– Horst Bosetzky
: Kempinski erobert Berlin. Jaron Verlag, Berlin. 368 Seiten, 19,95 Euro

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