BERLIN Bücher : Verwundete Seelen

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Ein bestialisch umgebrachtes Ehepaar, an Händen und Beinen gefesselt, über die Köpfe Plastiktüten gestülpt und mit Paketband umwickelt, so dass der Mann und die Frau elend erstickten. Eine Mutter, die von einer Silvesterfeier heimkehrt und ihre beiden kleinen Töchter aufgeschlitzt in den Kinderbettchen findet. Ein Sprengstoffanschlag beim Treffen einer türkisch-kurdischen Familie, die Wucht der Explosion hat die Körper auseinandergerissen ... Wer Horst Brandts neues Buch „Tröstende Nähe“ liest, in dem der pensionierte Kriminaldirektor und ehemalige Leiter des Dezernats „Delikte am Menschen“ in Berlin wieder „Authentische Kriminalfälle“ aus seiner Laufbahn schildert, der muss schon einen stabilen Magen haben. Oder aber einzelne Kapitel überspringen.

Doch was ist mit denen, die solch einen grauenvollen Anblick nicht einfach wie ein Buch beiseitelegen können? Die damals als Erste am Tatort waren, die Leichen ansehen mussten, ja, die rein professionell sein mussten, wie man es von ihnen erwartet? Und die dann noch die Angehörigen aufsuchen, ihnen die erschütternden Nachrichten überbringen mussten?

Horst Brandt, 73 Jahre alt, hat sich während seiner Arbeit immer wieder darüber Gedanken gemacht, wie „seinen Leuten“ und den Helfern geholfen werden kann. Auch darüber berichtet er in seinem neuen Werk: Brandt hatte Mitte der neunziger Jahre die Idee für die Notfallseelsorge in Berlin, und er hat sie umgesetzt mit dem katholischen Pater Vincens, dem evangelischen Pfarrer Jörg Kluge und dank der Unterstützung des damaligen Polizeipräsidenten Hagen Saberschinsky und des Landesbranddirektors Albrecht Broemme. Mittlerweile gibt es rund 80 Notfallseelsorger aller Konfessionen in Berlin. Sie helfen nicht nur den Angehörigen der Opfer, sondern hören auch den Helfern zu, die nicht selten selbst überfordert sind – so professionell sie sein mögen.

Seit 2007 ist auch die muslimisch ausgerichtete Notfallseelsorge in das Berliner System integriert worden. Ein wichtiger Schritt: Muslimische Angehörige, weiß Brandt, trauern in der Regel ganz anders als Christen. Es versammeln sich dazu weitaus mehr Menschen als bei solchen traurigen Anlässen gewohnt, denn nicht nur die Familie ist einbezogen. Muslime beklagen den Verlust eines geliebten Menschen auch „oft lautstärker“. Und „muslimische Angehörige wollen nach Möglichkeit mit der Feuerwehr und den Verletzten mit ins Krankenhaus fahren“, weiß Brandt. In so einer Ausnahmesituation bedarf es eines muslimischen Seelsorgers, der verständnisvoller auf die Trauernden eingehen kann, weil er vertrauter mit ihren Bräuchen ist und damit auch ernst genommen wird. Tanja Buntrock

Nächste Lesungen von Horst Brandt: 11. Januar, 19 Uhr, Kathedralforum an der St. Hedwigskathedrale, Eintritt frei. 29. Januar, 15 Uhr, „Haus der Ideen" in Alt-Marienfelde 39, Eintritt 8 Euro inklusive Kaffee und Kuchen.





– Horst Brandt:

Tröstende Nähe.

Authentische

Kriminalfälle.

Militzke Verlag,

Leipzig. 200 Seiten, 16,90 Euro

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