BERLIN Bücher : Von Löwen und Zügen

„Also das war Berlin! Dieser traurige Haufen von Steinkästen und schnurgeraden Straßen, die alle ein bisschen unsauber aussahen – das war das Weltdorf Berlin!“ Aus Sicht eines humorlosen Lokalpatrioten ist Kurt Tucholskys Erzählung „Der Löw’ ist los“, erschienen 1928, ganz und gar nicht zu empfehlen, alle anderen aber dürften kichern, glucksen, schallend lachen über seine satirische Beschreibung des Ausbruchs von Löwe Franz Wüstenkönig aus dem Berliner Zoologischen Garten. Immerhin darf sich der Bekenntnis-Berliner damit trösten, dass der ernüchternde Streifzug durch die gar nicht so tolle Spree-Metropole ja nur aus Löwen-Sicht erzählt ist.

Die Fingerübung des großen, dem Löwen im Namen sogar artverwandten Peter Panter ist nur eine von über 60 literarischen Perlen, die in dem Bändchen „Berlin – eine Leseverführung“ versammelt sind. Knapp 50 Autoren, überwiegend Klassiker wie eben Tucholsky, Nicolai, Lessing, Kleist, Fontane, Kerr, Benjamin oder Roth kommen darin zu Wort, im Anhang kurz vorgestellt, mit Ausschnitten aus berühmten Werken, Gedichten, Feuilletons, Betrachtungen oder auch Aphorismen, denen man ihr Alter nicht anmerkt. „Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt“ – das wurde nicht nur in übertragenem Sinne, sondern tatsächlich noch mit spitzer Feder geschrieben, von Jean Paul.

Das Buch ist, bei aller Ironie und Spöttelei hier und da, eine Liebeserklärung an die Stadt, das ideale Präsent für Neu-, Alt-, Ex- und sonstige Berliner, dazu ein Streifzug durch die Kulturgeschichte der Metropole, deren Reichtum sich allein schon darin zeigt, dass einem beim Lesen unweigerlich weitere Dichter einfallen, die nicht aufgenommen wurden und doch hineingehörten, von Goethe über E.T.A. Hoffmann bis zu Frisch. Einen zweiten Band zu füllen wäre kein großes Problem. ac

Berlin. Eine Lese-Verführung. Hrsg. von Julia Gommel und Steffen Gommel. Fischer Taschenbuch. 283 Seiten, 8 Euro

Es gab eine Zeit, da hatten Berliner U-Bahnwaggons sogar „Blumenbretter“. Das war Anfang der zwanziger Jahre, als die Tunnel in die Breite wuchsen und die Zughersteller noch keine passenden Fahrzeuge liefern konnten. So musste die Distanz zwischen Waggon und Bahnsteig überbrückt werden, durch garantiert blumenfreie „Blumenbretter“ – ein Provisorium, das nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal notwendig wurde: Die breiten Züge waren zwecks Reparation gen Osten verschwunden. U-Bahngeschichte ist eben immer auch Zeitgeschichte, und die Autoren des Buches „Berliner U-Bahn“ haben gut daran getan, dieses historische, quasi überirdische Umfeld ihres unterirdischen Gegenstandes stets mitzuzeichnen. 2001, mit Blick auf den 100. Geburtstag der Berliner U-Bahn, war der Band des Hörfunk-Journalisten Jürgen Meyer-Kronthaler und des Tagesspiegel-Redakteurs Klaus Kurpjuweit erstmals erschienen, seitdem hat sich manches getan. Zum Beispiel wurde 2009 zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor die U 55 eröffnet, erster Abschnitt der künftigen U 5. Klar, dass dieser Freudentag jedes U-Bahnfreundes in die erweiterte und aktualisierte Auflage aufgenommen wurde.ac

Jürgen Meyer-Kronthaler/Klaus Kurpjuweit: Berliner U-Bahn. In Fahrt seit über hundert Jahren. be.bra verlag, Berlin. 198 Seiten, 19,90 Euro

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