BERLIN Bücher : Warum es in Tegel spukte

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Walpurgisnacht. Es spricht der Proktophantasmist: „Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel. / Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel.“ Klar, das ist aus „Faust I“, eine heute nur noch wenigen verständliche oder überhaupt erkennbare satirische Spitze Goethes gegen den Berliner Aufklärer Friedrich Nicolai. Und eine noch kleinere Minderheit wird wohl sagen können, auf welchen Spuk der Dichterfürst anspielte.

Um dies in Erfahrung zu bringen, empfiehlt sich ein Blick in den von Gisela Griepentrog herausgegebenen Sammelband „Berlin-Sagen“. Der „Spuk in Tegel“ soll sich demnach in einer Mühle, vielleicht auch der Försterei zugetragen haben, Heimstatt eines hübschen Mädchens, dessen Liebster leider nicht die Zustimmung der Mutter fand – Anlass wiederholter heftiger Auseinandersetzungen, nach denen es regelmäßig zu spuken begann, mit Wimmern, Seufzen, Klagen. Allerlei Gelehrte kamen und suchten das Geheimnis zu lüften – vergebens. Irgendwann gab die Mutter nach, dem Gespenst war nur mit einem Mann im Haus zu begegnen, und damit hatte sie sogar recht: Sobald das Mädchen seinen Liebsten in Armen hielt, hörte der nächtliche Spuk auf.

Rund 150 solcher Sagen hat die Herausgeberin in dem mit einigen alten Karten und Stadtansichten dekorierten Band zusammengetragen, aus Quellen, die bis ins mittlere 19. Jahrhundert zurückreichen. Wobei sie den Begriff „Sage“ recht weit zieht und darunter beispielsweise auch die Geschichte des Berliner Pferdehändlers Hans Kohlhase fasst. Dessen Geschichte wurde die Vorlage zu Heinrich von Kleists berühmter Novelle, das Magisch-Märchenhafte der Sage fehlt ihr aber gänzlich. Vielmehr ist es der in der Überlieferung angereicherte, damit sicher auch teilweise verfälschte Bericht über einen belegbaren Vorfall. Aber egal, ob es nun fiktive Sage ist oder historisch fundierte Legende – spannend ist so eine Geschichte allemal. Andreas Conrad











Gisela Griepentrog (Hrsg.):
 Berlin-Sagen. Verlag für Berlin-Brandenburg. 176 Seiten, 16,90 Euro

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