Berlin-Charlottenburg : Englischer Bischof erinnert an die Zerstörung von Berlin

In den Nächten vom 22. bis 24. November bombadierte die Royal Air Force Berlin. 240.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Daran wurde nun in der Gedächtniskirche erinnert in einem großen Gottesdienst.

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Bimm, Bimm, Bimm. Das Glockenspiel im alten Turm der Gedächtniskirche erklingt wieder. Feierlich ertönte der erste Schlag am 15. September 2013 um 12 Uhr.Weitere Bilder anzeigen
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01.10.2011 20:54Bimm, Bimm, Bimm. Das Glockenspiel im alten Turm der Gedächtniskirche erklingt wieder. Feierlich ertönte der erste Schlag am 15....

Am Sonntag vor 70 Jahren trauerten tausende Berliner um Mütter, Väter und Kinder, um Freunde und Bekannte. Sie hatten es nicht in die Luftschutzkeller geschafft, waren verbrannt, von Bomben zerfetzt, von einstürzenden Mauern erschlagen worden. In den Nächten vom 22. bis 24. November 1943 bombardierte die Royal Air Force Berlin und zerstörte Teile von Charlottenburg, Schöneberg, Tiergarten und Mitte. 240.000 Menschen verloren ihr Zuhause. Zehn Jahre lang hatten die Nationalsozialisten Andersdenkende gepeinigt, Synagogen angesteckt und Hass in die Welt hinausgetragen. Jetzt kam die Gewalt zurück.

Auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche brannte völlig aus. Am Sonntag erinnerte die Gemeinde mit einem bewegenden Gottesdienst an die Zerstörung und betete für Frieden. Mehr als 750 Menschen kamen, alle Plätze im wunderbar blauen Oktogon waren besetzt. In der ersten Reihe saß Christopher Cocksworth im weiß-roten Talar der anglikanischen Kirche. Er ist Bischof im englischen Coventry, das 1940 durch die deutsche Luftwaffe in Schutt und Asche gelegt wurde. Dass er gekommen ist, dass er die Predigt hielt und gemeinsam mit den Pfarrern der Gedächtniskirche das Abendmahl austeilte, ist ein „kostbares Zeichen der Versöhnung“, wie Pfarrer Martin Germer sagte.

Ein bewegender Gottesdienst in der Gedächtniskirche

Bischof Cocksworth bettete seine Predigt ein in Benjamin Brittens „Cantata Misericordium“ von 1963. Darin geht es um die Geschichte vom barmherzigen Samariter. Nicht der Priester, auch nicht der eigene Landsmann helfen dem ausgeraubten Juden, der da auf der Straße zwischen Jerusalem und Jericho liegt. Ein Samariter nimmt sich seiner an. Ausgerechnet. Samariter und Juden waren die größten Feinde. So wie Briten und Deutsche, sagt jetzt Bischof Cocksworth oben auf der Kanzel. „Gegenseitig haben wir unsere Städte bombardiert. Grausamkeit brachte Grausamkeit hervor, wir stiegen hinunter in die Hölle.“ Sein Großvater habe im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft, sein Vater im Zweiten. Und selbst seine friedfertige Mutter mochte es nicht, wenn der älteste Sohn zu Hause Deutsch sprach, die Sprache, die er neuerdings in der Schule lernte.

Die Gedächtniskirche
Bimm, Bimm, Bimm. Das Glockenspiel im alten Turm der Gedächtniskirche erklingt wieder. Feierlich ertönte der erste Schlag am 15. September 2013 um 12 Uhr.Weitere Bilder anzeigen
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01.10.2011 20:54Bimm, Bimm, Bimm. Das Glockenspiel im alten Turm der Gedächtniskirche erklingt wieder. Feierlich ertönte der erste Schlag am 15....

„Es siegt endlich das Mitleid“, singt der Chor mit Benjamin Brittens Worten. Mitleid könne nur entstehen, wenn wir in dem anderen, auch im Feind, den Mitmenschen sehen, sagt Bischof Cocksworth. Der Samariter sah aber nicht nur das Leid des Mitmenschen, sondern auch das Unheil, das sein Volk einem anderen angetan hatte. Denn es war nicht das erste Mal, dass ein Jude auf dem Rückweg von Jerusalem nach Jericho von Samaritern überfallen worden war. Für diese Geschichte der Gewalt habe er Verantwortung übernommen, indem er dem Fremden half.

Ein Gebet, erstmals 1959 in Coventry formuliert

Der Charlottenburger Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann (SPD) bat Gott in seiner Fürbitte darum, „dass wir Politiker alles tun, dass Berlin eine weltoffene Stadt ist und dass wir Fremdenfeindlichkeit entschieden entgegentreten“. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU), eingesprungen für Innensenator Frank Henkel, beschwor die Gedächtniskirche als Symbol der Versöhnung und des Durchhaltewillens der Berliner. Als Anziehungspunkt für Gäste aus aller Welt sei sie auch ein „Symbol, das in die Zukunft weist“. Bischof Markus Dröge appellierte an alle, immer wieder aufs Neue die Erinnerung wachzuhalten, und zitierte den Widerstandskämpfer und Theologen Dietrich Bonhoeffer: „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Friede muss gewagt werden.“ Heute gelte es, gegen die aufkeimenden Nationalismen in Europa vorzugehen. Schließlich beteten die Berliner und ihre Gäste: „Vater vergib, alle haben gesündigt.“ Es ist ein Versöhnungsgebet, das zum ersten Mal 1959 in Coventry formuliert wurde und heute auf der ganzen Welt gebetet wird. Für einen Moment gab es tatsächlich kein „wir“ und „sie“ mehr.



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